Ein Einblick in die Anthroposophie (Tag 7-10)

Kurz vorweg: Direkt nachdem ich den Beitrag „Wenn ich etwas habe, ist das Zeit“ geschrieben habe, wurde mir klar, dass ich meinen Blog künftig anders schreiben werde. Anstelle der chronologischen Vorgehensweise, entscheide ich mich für ein themenorientiertes Schreiben. Das fühlt sich fließender und stimmiger an, anstelle dieser Tagebuchform. Ich hoffe, das ist ganz in eurem Sinne.


Dornach und das Goetheanum

Das Goetheanum. Eigene Aufnahme.

Bereits als ich in den 6600 Seelen Ort Dornach eintrat, wurde mir bewusst, dass hier einiges anderes ist. Als ich vom Hügel herabgehend das Goetheanum erahnte war mein erster Gedankaufgrund der grauen Gebäudefassade: „Echt jetzt?“ Ich hatte etwas aus Holz und mit warmen Farben erwartet. Später erfuhr ich, dass das erste Goetheanum genau das war nur wurde es Opfer von Brandschatzung – Täter ungeklärt (möglicherweise Kirchliche, denen die aufkeimende anthroposophische Strömung ein Dorn im Auge war). Noch immer finde ich dieses Gebäude gewöhnungsbedürftig, doch da ich es nun erlebte, auch von Innen, habe ich auch seinen Reiz erkannt.

Schon nach kurzer Zeit in Dornach – nicht nur des Goetheanums wegen – merkte ich: Ich bin in einer anderen Welt. Und das war auch gut so. Genau danach suche ich. Genau das inspiriert und regt zu kritischem Denken an. Ich schreibe nicht, dass dort alles rosig und heilig ist, sondern lediglich, dass es dort schlicht anders ist.

Wie das Reiseschicksal es wollte, kamen mein Freund Nikolaus (bei dem ich dankenswerterweise übernachten konnte) und bereits am ersten Tag in den Genuss einer unerwarteten Führung im großen Saal des Geotheanums. Dort erläuterte ein Vorstandsmitglied der anthroposophischen Gesellschaft gerade im Rahmen eines Kurses für Erzieher aus München die Wandmalereien und die spezielle Fenstergestaltung. Diese hat etwas zwischen dem was du aus Kirchen kennst und Glaskunst. In der Anthroposophie unterscheidet mensch zwischen drei Hauptkräften in unserer Welt. Der luziferischen Kraft (Weisheit, nach oben strebend – eitel, arrogant), der ahrimanischen Kraft (Irdisch, nach unten weisend – kontrollierend, ordnend, höchst logisch, technokratisch) und der Christuskraft (Liebe, Heilung, selbstlos) die zwischen den beiden Gegenspielern Luzifer und Ahriman steht. Klingt erst einmal ganz interessant – habe ich so vorher noch nie gehört in dieser Kombination, vor allem das Wesen Ahriman war mir bisher ziemlich ungeläufig – bis auf manche Andeutungen aus Gesprächen mit Nikolaus. Dieses Kräftespiel wird auch in der aus dem Urbau erhaltenen Holzskulptur (die den Brand nur überlebte, weil sie damals noch nicht dort hineingestellt war), die ein Herzstück des Geotheanum ist, dargestellt. Dort durfte mensch allerdings keine Fotos machen, deshalb schaut gerne in diesem Artikel nach, was ich meine.

Organische Baukunst

Ein Beispielhaus für organische Baukunst. Eigene Aufnahme.

Was sofort ins Auge fällt, ist die andersartige Baukunst, nach welcher viele Häuser in Dornach gebaut sind. Auch diese geht wohl auf Rudolf Steiner zurück und heißt organische Bauweise. Ich selbst fühlte mich dadurch wirklich wohl in der Gegend, es erhebt die ganze Gemeinde. Genauso wie eine mittelalterliche Innenstadt mit vielen Fachwerkhäusern dies tut, so tut es auch diese Bauweise. Der ganze Ort wirkt dadurch noch wohlhabender, als diese Gegend ohnehin schon ist. Ein Satz dazu: Eine so saubere und moderne Infrastruktur wie hier in Dornach und Arlesheim habe ich selten in meinem Leben gesehen. Hier wird nicht gegeizt, doch sehe ich darin auch immer, wie vielen Menschen das nicht ermöglicht wird. Eigentlich sollte jeder Mensch so (ähnlich) leben dürfen.

Eurythmie

Steiner soll immer wieder Wert darauf gelegt haben, wie wichtig die von ihm mitbegründete Bewegungsform der Eurythmie ist. Dadurch sollen die Bewegungen aus der Ätherebene im Körperlichen dargestellt und dadurch für uns Menschen verständlicher werden. So weit so gut. Bei einer eurythmischen Aufführung, zu der ich von Nikolaus eingeladen wurde, durfte ich mich zum ersten Mal diesem Thema annähern. Mal außerhalb der getanzten Namen von Waldorfschülern (denn genau das ist Eurythmie) und den häufigen Witzen darüber (die auch echt humorvoll sein können, weil für Außenstehende wie mich auch manchmal skurril wirkend). Zunächst war mir die bei der Aufführung zur Schau gestellte Bewegungsform wenig zugänglich, aber warum und weich. Es gibt keine komplizierten Bewegungen (wie z.B. Spagat oder ähnliches), sondern ziemlich fließende ziemlich intuitiv ausschauende Formen. Doch sollen diese dem jeweils dazu vorgetragenen Gedicht oder eines Musikstücks die jeweiligen Ätherleibbewegungen zuordnen. Eine lebendige Kunst für sich. Einerseits war es anstrengend, weil doch oft für mich nicht zugänglich, doch andererseits hat es mich sehr inspiriert und nach der Aufführung hatte ich das Gefühl selbstlos wirken zu  wollen. Ich hatte ein inneres Bild entwickelt, wie ich in einer fremden Stadt sitze und Menschen die Füße oder Schuhe sauber mache. Irgendwie denke ich, dass das durch die Aufführung angeregt wurde – diese selbstlose Vorstellung.

Doch damit nicht genug. Ich durfte sogar selbst Teil einer kurzen Eurythmieprobe werden, die der 90-jährige amerikanische Eurythmist Francis leitete. Ein wärmender Mann, der mich echt inspirierte. Ich schreibe hier mal nieder, was mir als Kern seiner Aussagen hängen blieb:

„It’s in the middle!“ (was zählt und was dich bewegt – in diesem Fall die Wirbelsäule – ich finde auch das Herz trifft zu)

„What do you want – nothing!“ (wenn du das fühlst, lebst du nach dem „göttlichen Willen“)

„After this [eine Übung] you have to want to help others.“

„It’s a spiritual being.“ (Damit meinte er Wesen, die unsere Bewegungen und uns beleben, die wir durch fließen einladen würden)

Das ist wirklich etwas besonderes, dass ich das miterleben durfte. Diesen kleinen Einblick.

inspirierende Begegnungen

In den zweieinhalb Tagen in Dornach hatte ich einige Begegnungen mit Menschen, die mich nachhaltig beeindruckten. Beispielhaft nenne ich eine Begegnung mit zwei Ungarn, die auch dort wohnen. Nikolaus kannte diese glücklicherweise bereits, so dass wir ins Gespräch gekommen sind. Ich erzählte dann auch von meiner Europatour per Anhalter und einer der Beiden (József) fand dies äußerst interessant und erzählte von eigenen Tramperfahrungen, die er durch Europa machte. Dann zeigte er mir ein Foto, wo er ein Plakat in Frankreich hoch hält, mit welchem er nach Bayern fahren möchte. Es ist genau dieser riesige Daumen, den ihr auf dem Bild seht.

József (aus Dornach) Geschenk für meine Reise. Ein riesiger Plakatdaumen 🙂

Er hat ihn mir noch am selben Tag „vermacht“ und zeigte mir, wie mensch auch beim Trampen kreativ das Leben anregen kann, um die Wahrscheinlichkeit der Freude bei den Mitmenschen zu erhöhen. Doch damit nicht genug. Er und sein Bruder hatten eine wundersame, selbstbewusste und reine Ausstrahlung. Später, als wir den Plakatdaumen abholten wurde mir auch klarer, wieso ich disen Eindruck von den Beiden hatte – oder allenfalls warum ich ihn von József hatte. Er hat eine wirklich reine Lebensauffassung, für ihn zählt die Liebe und der Mensch. Er ist ziemlich spirituell, zeigt das aber nicht krampfhaft. Zudem übt er einen selten gewordenen handwerklichen Beruf aus, den des Schmieds. Dieser Mann hat mich wahrlich inspiriert mit seiner warmen, aber beherzten menschlichen Art.


Diesen Artikel schreibe ich gerade aus dem schönen und touristischen Städtchen Lindau am Bodensee. Dorthin bin ich heute aus Basel auf teils abenteuerliche Art und Weise mit insgesamt vier Mitfahrgelegenheiten (danke für jede Einzelne!) getrampt. Anfangs stand ich, wie auf dem Bild oben zu sehen mit dem Plakatdaumen mit Wunschrichtung Zürich an einer Auffahrt in Basel. Wie ihr seht, hat der Daumen funktioniert! Mir geht es wahrlich gut und fühle mich sehr getragen. Insbesondere durch meine wundervolle Freundin, auch durch die schönen Wünsche, die ich zuhause von so vielen Menschen mit auf den Weg bekam. Ich spüre diese sehr. Heute wird mein erster Tag sein, an welchem ich noch keine Übernachtung vorher fest inne hatte. Vermutlich übernachte ich direkt am Bodensee, das bietet sich so an – ich freue mich. Ich komme hier sehr zur Ruhe. Morgen möchte ich weiter über München, Richtung Salzburg und dann mal schauen wo es schön ist für einen weiteren Stop 🙂

Frieden sei mit euch!

2 Kommentare zu „Ein Einblick in die Anthroposophie (Tag 7-10)“

  1. Hallo Björn!
    Sehr gut. Ich habe herausgefunden, ich per Handy deinen Blog verfolgen kann. Es freut mich zu lesen, wie es dir ergeht. Du wirst bestimmt eine vorbereitete Bleibe finden. Ich segne dich.
    Liebe Grüße Onkel Dirk

  2. Lieber björn, toll, was du erfahren darfst. Wir haben gerade deinen bericht gelesen. Bleibe auf deinem weg und geniesse die nacht in der nächsten nähe unserer heimat, wo es auch sein mag. Wir wünschen dir weiter mut und vertrauen für jetzt und morgen. Lieber gruss aus deinem „nest“. Margarete und gerhar

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.