Praesent sein (Tag 10 – 13)

Eine Mitfahrgelgenheit zwischen Muenchen und Salzburg hat mich besonders beeindruckt. Ich wurde vorgestern an einem Tag der aufs Trampen bezogen maeßig lief, auf der A8 Richtung Salzburg von einem Schlosser mitgenommen. Er sprach viel darueber, dass diese Welt viel viel mehr ist, als das was wir durch den konditionierten Verstand wahr nehmen. Er sprach davon, dass wir als Menschen viel mehr Faehigkeiten haben, als wir so glauben. Davon gehe ich auch aus, doch er sprach mit solch einer Ueberzeugung und eigener Erfahrung davon, dass dieses Gespraech ziemlichen Nachdruck bei mir hinterlassen hat.

Wir muessen lernen wirklich hier und jetzt praesent zu sein. Im Prinzip das was Eckhard Tolle sagt. Doch danach wuerde es noch viel mehr geben, so der Schlosser. Wir sollen nicht verurteilen und von allen Anhaftungen loslassen. Einfacher geschrieben als gemacht. Doch seit er mir das so klar und offen erzaehlte, rufe ich mir das in den verschiedensten Situationen immer wieder in mein Wesen. Und das ist wirklich ein Segen. Das ist Frieden, selbst wenn es um mich herum laut und scheinbar unfriedlich ist (z.B. direkt an einer großen Straße).


Bodensee

Kurz zu meinen letzten drei Tagen. Sie markieren einen wilden Anfang.

Nachdem ich den Beitrag ueber die Anthroposophie schrieb, lernte ich noch an meinem Schlafplatz direkt am Bodensee zwei andere Europareisende kennen. Ein Paerchen, die eine sieben monatige Reise mit Fahrrad, Hund und Zelt zu Ende bringen.

Nina und Ben, die eine sieben monatige Europareise machten, mit mir am Bodensee.

Was fuer ein „Zufall“, dass wir uns einfach so am Bodensee treffen und uns genau denselben Fleck zum wilden Campen ausgesucht haben. Um die Ecke uebernachteten sogar noch zwei Wild-Camper mit Wohnmobil, die uns viel erzaehlten ueber ihre Reiseerfahrungen (das meiste davon hat niemand von uns erfragt, aber die Frau erzaehlte einfach gerne).

Mein erstes wildes Lager. Am Bodensee.

Die erste wild gecampte Nacht war echt launisch. Ich schlief und erholte mich gut, doch wollte einmal etwas an meine Sachen (evtl eine Wasserratte oder so) und die Haubentaucher oder Blaesshuehner haben echt bis tief in die Nacht krach gemacht. Dafuer war das Bad am naechsten morgen im total beruhigten Bodensee einfach genial! Sich diese Freiheiten zu nehmen und die Zeit dafuer zu nehmen ist wundervoll.


Der magische Untersberg

Vom Bodensee bin ich mit (u.a. oben beschriebenen) tollen Mitfahrgelegenheiten noch bis zum Untersberg gekommen. Aber das war wirklich eine schwere Geburt. In Lindau am Autohof fragte ich sicherlich 120 Autofahrer direkt (!) und wartete etwas 100 Minuten bis sich mein Retter Harry erbarmte und mitnahm – nach meinem Strategiewechsel direkt an der breiten Fahrbahn den beschriebenen Daumen hoch zu halten.

Ich erlebe an solchen Tagen so viel, dass ich das kaum in einem Tagebuch, Blog oder Video festhalten koennte. Was mir dabei immer wieder klar wird ist, wie sehr mich das als Mensch formt. Ich werde geduldiger, behalte meine wohlwollende Praesenz, trotz manchmal widriger Umstaende. Aber natuerlich regt es mich auch mal auf, wenn das 300ste Auto an mir vorbeigefahren ist, obgleich so viele doch in die Richtung fahren, in die ich nachfrage. Aber jede hat so ihre Gruende, mich nicht mitzunehmen. Wer bin ich, dass ich das beurteilen kann? Ich bin froh um jede, die mich mitnimmt. Falls du dich wunderst, warum ich in der weiblichen Person (jede usw.) schreibe: Einfach, weil ich es kann. Klingt ganz anders, wenn mensch immer die weibliche Ausrichtung verwendet oder? Unsere Sprache ist dahingehend echt interessant. Aber ich halte nichts von diesem „gendergerechten“ schreiben, wo dann versuch wird mit „jede*r“ alle Menschen jeden (erdachten) Geschlechts einzuschließen. Also bitte versteht mich richtig, oder zieht euch einfach das heraus, was Frieden in diese verkopfte Sache bringt. Exkurs vorbei.

Der Untersberg von der Autobahn aus (Suedwesten) fotografiert. Eigene Aufnahme.

Als ich dann am Untersberg ankam, habe ich schnell eine wunderbare Stelle zum Uebernachten gefunden. Die Bank auf der ich einfach in meinem Schlafsack schlief, war schoen breit und lang genug. Direkt daneben ist eine Quelle. Nachteilig war, dass direkt daneben Haeuser des Vorortes Groedig waren. Morgens gabs direkt ein paar Autoscheinwerfer ins Gesicht…

Eine mysterioese Beobachtung

Jede, die sich mal mit den Mythen um den Untersberg beschaeftigt hat, weiß wie sagenumwoben dieser tolle Berg ist. Dort wird nicht nur Marmor abgebaut, sondern auch gesagt, dass Karl der Große den Berg bewohnen soll. Wenn Raben diesen umkreisen und auf einer nah gelegenen Wiese ein Birnenbaum blueht (oder so aehnlich) soll er wieder aus dem Berg erstehen und das Boese auf eben dieser Wiese besiegen. Zudem wird viel ueber Zeitphaenomene am Untersberg berichtet. Menschen sagen, sie waeren lediglich einen Nachmittag dort spazieren gewesen und andere, die auf sie zuhause warteten meinen es seien mehrere Tage gewesen. Dazu gesellen sich noch Erzaehlunen ueber Wildfrauen am Untersberg uvm.

Ich selbst durfte am Untersberg angekommen, nachdem ich mein Schlafplatz aufgebaut hatte mit der roten LED-Lampe meiner Stirnlampe ein rotes Augenpaar sehen. Zunaechst unscheinbar, dann wechselte es die Seite des Weges und wenn ich es mit meiner Lampe anstrahlte wurden diese „Augen“ nur intensiver. Es waren auch mehr Punkte als Augen, aber der Abstand der beiden erinnerte an Augen. Das Phaenomen dauerte etwa zwei Minuten, dann war es vorueber und ich habe am selben Abend und am naechsten Morgen keine rationale Erklaerung dafuer gefunden. Dort lagen keine Reflektoren oder sonstig menschengemachtes herum. Wirklich spannend, ich kann mir keinen Reim drauf machen. Bemerkenswert war auch, wie lebendig ich dort getraeumt habe und wie gut ich mich nach dem Wach werden noch daran erinnern konnte. Das kann ich nur sehr selten. Dieser Untersberg, fuer mich ein echter Kraftort!

Auf dem Salzburger Hochthron (etwa 1900m). Augen und Mimik schauen wegen der starken Lichtstrahlung etwas streng aus…

Am naechsten Tag wollte ich unbedingt rauf auf den Berg. Ich hatte das starke Gefuehl, ein paar Mark fuer die Seilbahn zu investieren, um oben in Ruhe genug Zeit zu haben. Bei dieser fantastischen Ruhe, die ich dort oben genießen durfte wurden mir auch die Worte des Schlossers bewusster. Ihr Lieben, das ist nicht in Worte zu fassen, welch Frieden und welche Lebendigkeit dort oben in mich hineinfloss, durch mich hindurch floss.


Slowenien

Jetzt schreibe ich aus Ljubljana (eigentlich Laibach, wurde aber umbenannt). Ich bin froh, mich auch hier fuer die kostspielige Variante (ein guenstiges Hostel fuer 14€ im Sechs-Bett-Zimmer) entschieden zu haben, da es nachts richtig heftig regnete. Die Stadt ist wirklich sueß und meine erste Begegnung mit Menschen von hier war unheimlich positiv – sie haben mir auf der Straße eine spontane Hostel-Beratung gegeben (auf einfach Nachfrage, wo ein guenstiges Hostel sei). Hier ist es generell einfach anders, ueberhaupt nicht weit weg von dem, was wir von zuhause kennen. Freudig stellte ich fest, als ich einen Heißhunger stillen wollte, dass nach 22 Uhr kein Kiosk oder Supermarkt mehr auf hat hier (vielleicht ja sogar noch frueher). Auch die Fahrt nach Ljubljana war langwierig und der Kroate, der mich etwa die letzten 300 km mitnahm, hatte bereits eine sehr lange Strecke hinter sich und war bereits ziemlich muede. Ich hoffe, er ist sicher zuhause in Kroatien angekommen, so weit war es ja nicht mehr.

Drachenbruecke in Ljubljana/Laibach. Der Drachenmythos um Jason den Argonauten spielt hierfuer die grundlegende Rolle. Mensch erzaehlt mir, Jason habe einen Drachen, der die Stadt/Handelswege bedrohte, erlegt.

Nach meiner Nacht im Hostel, warm duschen (herrlich!) und Aufladung von Mobiltelefon sowie Internetrecherchen ueber WLAN mache ich mich auf in diese neue Situation. Hier moechte ich noch ein paar Worte zur Hostelsituation loswerden. In meinem Zimmer waren Reisende, so wie ich. Einer beendete gerade eine sechs-monatige Reise und er erzaehlte davon, wie jemand dir seine Telefonnummer gibt…Ich frage mich manchmal, was die Menschen auf Reisen so machen. Ich stelle immer wieder fest: Egal ob du im transsibirischen Express nach Peking sitzt oder zuhause im Garten, es kommt auf dein Bewusstsein und dein Wahrnehmung an, wie du empfindest, was du wahr nimmst. Im Hostel habe ich mich (bis auf den physischen Schutz vor Regen und die Waschmoeglichkeiten) dort nicht wirklich wohl gefuehlt. Alle glotzten in ihre Smartphones, waehrend andere Reisende direkt neben dir sind mit denen du dich austauschen koenntest. Ziemlich oberflaechlich. Als ich dort heraus war, fuehlte ich mich sehr befreit! Wobei auch dieses Gefuehl nicht vom Außen bestimmt sein sollte. Aber es ist nun einmal einfacher oben auf dem Untersberg zu Ruhe und Frieden zu kommen, als unter solchen Menschen.

Ich war sehr aufgeregt, hatte mehr Hemmungen zu fragen (vermutlich, weil es jetzt nur noch ueber englisch oder Universalsprache geht). Doch ich habe fuer sehr wenig Geld Aepfel, Karotten und Radieschen zum Fruehstueck bekommen (die mensch nicht direkt hintereinander essen sollte, wegen dieser Beachtung von Trennverdauung von Obst und Gemuese). Ein Mann mit einem Geschaeft fuer organische Nuesse und Trockenfruechte (ein El-Dorado!) schenkte mir auf Nachfrage eine echt ansehnliche Portion gemischter Nuesse – wow! Das gibt unheimlich Auftrieb. Da ist heute viel geregnet hat, braucht es das doppelt. Zudem habe ich kein eindeutiges Ziel hier, was immer schlecht ist. Also Ziele machen: Umsonst an Essen kommen und eine (oder zwei) kostenlose Uebernachtungen finden. Gesagt getan. Jetzt haette ich die Moeglichkeit an einer besetzten alten Fahrradfabrik (ROG), wo sich ein selbst organisiertes chaotisches Buendnis aus linken Aktivisten, Kuenstlern und Migranten gebildet hat. Diese lernte ich ueber ein Migrationsprojekt kennen, welches ein Restaurantbetrieb ist, wo internationale Kueche angeboten wird (zudem andere Veranstaltungen). Ein wenig wie die vielen „Integrationsprojekte“, die auch in Deutschland in diese Richtung hin organisiert sind. Ich bin so dankbar, wie sich dieser Tag mal wieder (ohne dass ich das am Morgen auch nur ansatzweise so geplant haette) einfach dem Fluss des Lebens, im Einklang mit Herz und Kopf folgend, entfaltet hat. Ich sitze hier gesaettigt vor einem PC, den ich umsonst bedienen darf. Wirklich toll, wie das alles funktionieren kann. Und ich selbst biete im Gegenzug meine Mitarbeit an, einfach genial! Eine Schokolade aus einem oertlichen Tante Emma Laden goenne ich mir jetzt trotzdem 🙂 Und ob ich wirklich bei diesem ROG-Projekt uebernachte weiss ich auch noch nicht, denn die Stimmung dort ist schon sehr von Drogen und Anti-Kaempfen gepraegt. Ich fuehle mich dort aber wirklich als Mensch angenommen, was ein tolles Gefuehl ist. Aber es ist halt chaotisch dort, muss mensch schon drauf stehen. Vielleicht sollte ich die Erfahrung einfach mal machen, bei so etwas zu uebernachten. Das entscheide ich gleich bei einer Schokolade. Mir geht es hier auf jeden Fall echt gut. Ich fuehle mich getragen!

Frieden sei mit euch

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