Wir sind Gemeinschaftswesen

Eine der wahrlich wichtigsten Erkenntnisse meiner Reise ist: Wir Menschen sind liebesbedürftige, soziale Gemeinschaftswesen. Alleine sind wir unvollkommen und anfälliger. Das bedeutet nicht, wir müssten uns zwanghaft immer in Gruppen, unserer Familie oder Gemeinschaft aufhalten – die goldene Mitte ist mal wieder das Maß der Dinge!

Nicht dass dies vollkommen neu wäre. Aber die Tiefe in der diese Erkenntnis nun in mir reifen durfte, ist ein enormer Unterschied zu meinem Gefühl dazu 90 Tage vorher – also vor meiner Reise. Das gleiche gilt für viele andere Dinge. Das schätzen der eigenen Möglichkeiten und Infrastruktur, Hier und Jetzt zu sein (nicht nur darüber zu sprechen) und vieles mehr!

Macht alleine reisen Sinn?

In Ruhe verweilen, sein und reflektieren. Dazu lädt die Zeit ein, die du wirklich alleine verbringst. Nutze sie!

Ja, auf jeden Fall! Wenn du wirklich r e i s t und dich selbst r e f l e k t i e r s t. Das ist ein großer Unterschied zum touristischen reisen um seine Sinne durch das Ansehen unzähliger Sehenswürdigkeiten berieseln zu lassen und hinterher tolle Fotos vorzeigen zu können.

Doch weiß ich mit Gewissheit, dass ich nie wieder längere Reisen, ein größeres Projekt oder Ähnliches alleine beginnen werde. In Gemeinschaft mit Gleichgesinnten sind wir einfach so viel „stärker“. Ich musste mir einfach eingestehen, wie diese Abhängigkeit von deiner Gemeinschaft gleichzeitig dein größter Schatz ist. Also finde vor dem wirklichen Beginn eines großen Projektes Gleichgesinnte – es ist quasi Teil des Projektes! Deine Gemeinschaft, sei es eine Wandergruppe, ein politischer Stammtisch oder deine Familie ist ein großer Halt, für Gedanken, Wort und Tat. In Gemeinschaft achten wir mehr auf unsere Worte, wir bekommen Rückmeldung darauf und erfahren auch die Wirklichkeit der anderen. Lange Zeit größtenteils nur in seiner eigenen Wirklichkeitsblase zu reisen oder zu leben macht dich Mensch schlicht und ergreifend anfälliger – für Bequemlichkeit, für dumme Gedanken und seltsame Handlungen. Natürlich muss sich mensch einfach mal der Gemeinschaft entziehen, selbst etwas verrücktes ausprobieren um danach festzustellen, wie schön es ist, das alles mit anderen Menschen zu teilen.

Was lehrt mich die Reise über Gemeinschaft?

Ich war innerlich oft ein Einzelkämpfer. Selbst in Beziehungen. Klar habe ich immer auch an die anderen gedacht und war auch total gerne für andere da, doch habe ich oft die Zukunft für mich selbst geplant und gedacht. Das ist durch diese Erkenntnis im starken Wandel.

Gemeinsam sind wir stark! Wie wahr, doch müssn wir auch großen Mut aufbringen um das Miteinander wieder zu finden. Mit Kopf und Herz. Die richtigen Menschen werden dir schon über den Weg laufen. Aber wir müssen geduldig sein und auch das Potential in uns gegenseitig sehen. Das Warten (was so manch ein Freidenker nur zu gut kennt!) lohnt sich. Denn die Menschen, die dir auf diesem Wege zukommen, die Gemeinschaft die entsteht, ist es wirklich wert.

Ein gutes erlebtes Beispiel für mich ist, dass ich mich immer nur alleine verletzt habe auf meiner Reise. Nie in Gemeinschaft. Nicht am Anfang als ich noch bei Freunden übernachtet habe, nicht mit meiner ehemaligen Freundin in Bulgarien, nicht mit Lev in der Türkei und auch nicht mit Papa und Pascal in Montenegro. Lediglich in den Zeiten, als ich „alleine“ (natürlich war ich selten ganz alleine, ich meine mit alleine einfach ohne festen Reisepartner) gereist bin. Doch möchte ich auch hier noch einmal betonen, wie sehr ich selbst in den abgelegensten Orten meiner Reise die Anwesenheit Gottes, die Kraft meiner Familie und Freunde direkt spüren konnte – insofern ich das einlud und es annahm.

Mein Vater, mein Bruder Pascal und meine Wenigkeit bei einer Pause vom Rafting in der Tara-Schlucht. Alleine wäre das für mich keine Option gewesen (auch des Geldes wegen), in vertrauter Gemeinschaft machen wir es einfach!

Von meinem 72 – 80tem Reisetag, die ich mit meinem Vater und meinem Bruder Pascal in Montenegro verbrachte erfuhr ich eine besondere Gemeinschaft auf meiner Reise. Die mir bereits seit Geburt oder frühester Kindheit vertrauten Menschen haben mich begleitet, bzw. wir haben uns getroffen um gemeinsam „Urlaub“ zu verbringen. Welch ein Geschenk! In diesem Abschnitt meiner Reise konnte ich echt gut abschalten und regenerieren. Selbst wenn es manchmal an der Kommunikation, an auseinandergehenden Ansichten haperte. Genau daraus lernen wir doch enorm viel voneinander, wenn wir offen für eigene Irrtümer und Ansichten der anderen sind und eine gewissen Diskussionsbereitschaft und Kompromissbereitschaft an den Tag legen. Ebenso lernen wir unsere Meinung zu vertreten, zu begründen und mit Argumenten zu untermauern. Ich könnte stundenlang weiter argumentieren, warum wir Gemeinschaftswesen sind. Ich denke, es ist klar, worauf ich hinaus möchte! Auch in Gemeinschaft sind wir nicht perfekt, aber wir können eine gewisse Vollkommenheit durch die vielen verschiedenen Charaktere, Fähigkeiten und Talente anstreben und erreichen. Eines bin ich mir im Endeffekt immer gewiss: Wir sind alle Eins.

Erleben in Gemeinschaft

Ich habe so vieles alleine erlebt, doch der Unterschied zum Erleben in Gemeinschaft (z.B. die Zeit mit Lev in der Türkei oder die Zeit mit Papa und meinem Bruder in Montenegro) ist einfach phänomenal. Natürlich hat beides seine Vor – und Nachteile. So finden wir z.B. nicht immer jemanden (oder eine Gemeinschaft) mit dem wir gewisse Vorhaben umsetzen können. Dann macht mensch diese Vorhaben eben alleine – vielleicht auch nur, so lange, bis er jemanden gefunden hat, mit dem er das in Gemeinschaft teilen kann.

Gemeinschaftlich etwas anzugehen ermöglicht einfach ganz andere Dimensionen. Projekte und Vorhaben können schneller und größer aufgezogen werden. Natürlich wird es genauso schwieriger (z.B. alle zufrieden zu halten), desto größer eine Gemeinschaft wird. Doch wagen wir es deshalb nicht, weil es in Gemeinschaft schwierig werden könnte, emotional anstrengend oder du selbst nicht genug Gehör finden könntest? Wagen wir es deshalb nicht mehr uns in Gemeinschaft zu geben und bevorzugen stattdessen anonyme digitale Kommunikation, Single-Dasein und passive Berieselung? Ich selbst habe das lange genug in meinem Leben praktiziert um genau zu wissen, wie unglücklich das einen innerlich macht – selbst wenn alle äußeren Bedürfnisse befriedigt sind. Diese Trennung sollen wir überwinden. In Gemeinschaft können wir so viel Schwung, Heilung und kreative Impulse erfahren, können uns in Sicherheit und Akzeptanz wiegen (ich weiß, leider nicht in jeder Gemeinschaft) und daraus enorme Kraft schöpfen.

Allerdings ist Gesellschaft oder Umgebung von anderen Menschen (beispielsweise auf einer großen Veranstaltung oder in der Innenstadt) nicht gleich Gemeinschaft. Ich rede von Gemeinschaft im Sinne von Familie, Freunde und Gleichgesinnten. Von Menschen, die gegenseitiges Interesse aneinander haben, die sich umeinander sorgen und füreinander da sind. Auch dieses Gefühl zu einem Freund zu fahren, zu deiner Familie, gleich jemand vertrauten zu treffen ist doch viel erquickender, als ziellos irgendwo herumzufahren. Auch dieses Gefühl gehört zu dem, was ich mit diesem Beitrag ausdrücken möchte! Wir sind liebesbedürftige, soziale Gemeinschaftswesen.

Weinen im Anblick einer Erkenntnis im Hier und Jetzt

Als ich am 72ten Tage meiner Reise völlig erschöpft in Tivat (Montenegro) ankam, lief ich die letzten 8 Km zu Fuss in der heißen Nachmittagssonne. Ich hörte Musik von Silbermond und Xavier Rudd während ich an der viel befahrenen Straße entlang meine letzten Meter zum Strand des Ortes wanderte. In mir kam die ganze Reise, alle dadurch gemachten oder bestätigten Erkenntnisse hoch, einfach alles was ich erlebt hatte. Und da war viel mit dabei! Trennung von meiner Freundin (Klarheit und Trauer), erneuter Kontakt zu einer alten Freundin (Freude), Erweiterung bis nach Georgien bis in die Halbwüste dort (Abenteuer), krasse wild gecampte Nächte (Natur), tolle inspirierende Mitmenschen und gemeinschafts und unabhängigkeitsfördernde Projekte (wie das Projekt Sele von Raw Future), die viele Gastfreundschaft, den Abfuck dieser Welt sehen (Armenviertel, Müll in der Natur usw.) (Realität sehen), mehr als 130 Mitfahrgelegenheiten die mich einen Großteil meiner 11.000 Km (bis hierhin) fuhren, direkte Gotteserfahrung und die „Macht des Gebetes“ (Geistlichkeit). Durch alle Gefühlsstadien und viele körperlichen sowie seelischen Anstrengungen hindurch führte mich diese Reise. Und beim Gedanken daran, gleich einen Teil meiner mir seit Geburt vertrauten Menschen wiederzusehen fing ich einfach an zu flennen…

Wir sind Gemeinschaftswesen. Wir möchten Liebe geben und empfangen. Wir möchten uns mit unserer Einzigartigkeit und unseren Fähigkeiten in die Gemeinschaft einbringen. Wir möchten so angenommen werden, wie wir einfach sind. Wir sind bereit andere so anzunehmen, wie sie einfach sind. Spielerisch, wie die Kinder. Ja ich weiß – das hört sich träumerisch an. Doch im Grunde ist es genau so. Wir verklausulieren so vieles, zerdenken so vieles. Ich genau ebenso und immer noch. Doch das ist es auf den Punkt gebracht.


Diese Worte schreibe ich gerade vom Sele Projekt (Raw Future) aus Ungarn. Hier habe ich die letzten drei Tage eine Gemeinschaft erfahren, die mir wieder neue Einblicke (insbesondere in die vegane Rohkost) gab. Doch dazu in einem gesonderten Beitrag mehr…

Marlon (Raw Future) und Susi bauen in der abgelegenen Natur Ungarns ein Selbstversorgerprojekt auf. Bildquelle: https://www.youtube.com/watch?v=ozW-pr958Ww

Quelle des Titelbildes: https://pixabay.com/de/teamgeist-zusammenhalt-gemeinsam-2447163/ Alle Rechte vorbehalten.

2 Kommentare zu „Wir sind Gemeinschaftswesen“

  1. Lieber Björn, ich sende Dir Grüße und ein SAT NAM aus Münster. Ab und an tauchtst Du in meinen Gedanken auf. Herz über Kopf.
    Matthias

    1. Lieber Matthias,
      schoen von dir zu lesen! Du wirst es eventuell nicht glauben, aber die Reise hat mich (Herz ueber Kopf) direkt zur heiligen Dreifaltigkeit gefuehrt: Gott, Jesus Christus und den heiligen Geist! Da schreibe ich noch einen seperaten Artikel zu 🙂

      Ich hoffe, bei dir laeuft es gut!

      Mit Kundalini Yoga habe ich aufgehoert aufgrund dieser erwachsenen Naehe zu einem Teil unseres Ahnenglaubens, dem (ich nenne es mal) wahrem Christentum, der Urgemeinde – also: Liebe deinen Naechsten wie dich selbst – faellt immer noch ziemlich schwer, aber wir seins ja alle auf unserem Wege!

      Alles Liebe und Frieden sei mit dir
      bjoern

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