Psychologie des Trampens

Du fragst dich, wie ich das mit dem Trampen mache? Was gilt es zu beachten, wie kannst du Zeit und Energie sparen? All das erfaehrst du in diesem Artikel mit 13.400 km Tramperfahrung aus 18 Laendern der letzten 100 Tagen untermauert!

Es ist wahr: Das Trampen heutzutage ist ein „hartes Geschaeft“ geworden. Viele Menschen sind sehr misstrauisch und wollen kein Risiko eingehen – verpassen auf diese Weise natuerlich auch einen moeglicherweise total inspirierenden Austausch oder gar neue Freundschaft mit dem Tramper. Du als Tramper, der Freiheit und Vertrauen darstellt (darstellen sollte) musst die Menschen begreifen und darfst nicht davon ausgehen, dass sie dich begreifen. Oberste Regel ist: Geduldig und freundlich bleiben! Ich bin ganz ehrlich: Das habe ich nicht die ganze Zeit hinbekommen, ist aber auch menschlich, wenn du irgendwo in der Sonne schmorst und viele mit nahezu leeren Autos dir sagen, sie haetten keinen Platz und dann weiterfahren. Siehe es solchen Menschen nach, du erbittest immerhin einen freiwilligen Dienst. Vergiss das niemals!


Reminder: Es kann auch mal nicht funktionieren, wie du es dir erwuenscht. Nach vier vergeblichen Stunden nähe der griechischen Grenze auf mazedonischer Seite nahm ich den Bus. An der Autobahn stehend machte sich leichte Lethargie in mir breit…der beste Moment um sich einzugestehen, dass es an dieser Stelle einfach nicht funktioniert.

Warum per Anhalter?

(1) Abenteuer. Du weisst nie wirklich, wer dich als naechsten mitnimmt. Eventuell wuerdest du solch einen Menschen in deinem „normalen“ Leben nie begegnen, geschweige denn mit ihm/ihr eine Autofahrt teilen. Definitive Horizonterweiterung!

(2) Kultur kennen lernen. Indem du direkt mit den (meist) Einheimischen in Kontakt kommst, lernst du wirklich etwas ueber Sprache, Lebensweise, Ideologie und Religion. Es kommt haeufiger, als mensch sich vorstellen mag zu hochinteressanten Gespraechen 🙂

(3) Umwelt schonen. Viele Autos haben noch Platz, in Westeuropa fahren viele Menschen sogar alleine Auto. Die paar Tropfen Oel, die dann durch dein zusaetzliches Gewicht im Auto mehr verbraucht werden, sind ein Witz im Gegensatz dazu, wenn du den Weg fliegen wuerdest oder alleine im Auto fahren wuerdest. Im Vergleich zum öffentlichen (Nah-)verkehr (Bus, Bahn, Fähre) bin ich mir dahingehend aber nicht so sicher.

(4) Geldbeutel schonen. Et ist einfach kostenfrei 😉 Das Geld was du hier sparst, kannst du in gesunde Ernaehrung investieren oder einem Obdachlosen in den Hut schmeissen. Nutze es weise, denn es wurde dir geschenkt!

Planen. Wohin und wie?

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Es mag dem ein oder der ander widerstreben, aber auch beim Trampen will die Strecke vorher geplant sein, wenn du ein konkretes Ziel hast. Das ist natuerlich ueberfluessig, wenn du dich einfach vom Winde tragen lassen moechtest und drauf los trampst, egal wohin. Wisse vorher (!), welche Stellen zum Trampen in Frage kommen (z.B. Raststätten oder Tankstellen). Die ganze Strecke solltest du grob durchplanen und innerlich offen bleiben, fuer kleine Umwege, die dich manchmal schneller ans Ziel bringen. Wenn dich jemand nicht genau dort hinfaehrt, wo du es geplant hast, entspann dich, wenn die Richtung gut ist und ueberlege (zuegig) ob sich der Umweg lohnt, weil du ja gerade eine Mitfahrgelegenheit angeboten bekommst. Meist geht dies Planung sehr gut mit Maps.me (kostenlose Kartenapplikation, wo du die Laender und Regionen vorher ueber WLAN herunterladen musst – also auch das planen). Uebgrigens ist Maps.me oft wirklich ein Retter in der Not – eine grossartige digitale Karte!

Nutze die gesammelten Informationen aus dem Hitchhike-Wiki. Dort findest du laenderspezifische, routenspezifische, allgemeine Informationen und goldene Tips von viel erfahreneren Trampern als meiner Wenigkeit! Immer vorher reinschauen. Definitiver Tip von mir. Danke an alle, die dort kostenfrei ihre Informationen mit der Tramperwelt teilen!

Standortwahl

Hier kommt es sehr darauf an, welchen Strassentyp du trampst und vor allem, in welchem Land (oder welcher Region) du trampst.

Ideal ist es immer an Rastplaetzen zu trampen, die nur in eine Richtung auf der Autobahn oder Bundesstrasse weiterfuehren. Autohoefe, wo es in beide Richtungen weitergehen kann, sind auch in Ordnung, aber hier wird deine Geduld vermutlich noch weiter strapaziert. Hier unbedingt direkt auf die Menschen zugehen. Je nach Nummernschild freuen sich die Menschen ungemein, wenn du sie auf ihrer Muttersprache begruessen kannst. Wie geschrieben: Stell dir vor ein Iraner trampt in Bayern und gruesst die Menschen mit nem deftgem „Servus“ – hat doch was, oder?

Desweiteren kannst du Parkausbuchtungen, Bushaltestellen, breite Seitenstreifen, Tankstellen, Auf – oder Abfahrten uvm. nutzen um per Anhalter zu reisen. Da kommt es einfach auf logischen Menschenverstand an. Beachte:

Kann der Fahrer dich gut sehen?

Ist die Strecke flach? Auf – und Abstieg ist unvorteilhaft.

Stehst du im Schatten und damit evtl. für den Fahrer sehr verborgen?

Achte auf diese und ähnliche Feinheiten. Hole das beste aus deinem Standort raus. Du musst den Fahrern so weit wie möglich Entgegenkommen, es einladend machen.

Auf die Menschen zugehen

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Stelle dir vor, du bist in der Situation des Autofahrers, während einer Rastplatzsituation. Wie wünscht du dir angesprochen zu werden? Genau so tue es. Beachte:

(1) Freundlich und aus dem (indirektem) Sichtfeld des Fahrers ansprechen. „Hallo, verzeihen Sie. Können Sie…/ Fahren Sie…/ Ich bin…“. Das „Verzeihen Sie“ (von Herzen gemeint) ist wichtig, weil die meisten Menschen sehr in ihren Gedanken versunken sind und du ihre Aufmerksamkeit haben möchtest.

(2) Firmenfahrzeuge, Trucks und Busse sind sehr unwahrscheinlich zu bekommen (vor allem über Ländergrenzen), weil wir in unfreien Systemen leben. Die Versicherung, der Arbeitgeber oder manche Gesetze verbieten es den Fahrern Anhalter mitzunehmen – wenn sie frei und lässig sind, nehmen sie einen natürlich trotzdem mit. Aber darauf kannst du nicht wirklich setzen. Versuche es vor allem bei PKWs oder Wohnwägen. Schau auf die Kennzeichen, ob eine Mitfahrt realistisch erscheint.

(3) Vorausschauend und mitfühlend nachfragen. Nicht stürmisch auf jeden zurennen. Zum Beispiel Familien mit kleinen Kindern von vorn herein erst garnicht fragen – die haben bereits genug zu tun mit ihrem Nachwuchs. Obgleich es natürlich sehr offene Familien gibt, die dich trotzdem gerne mitnähmen. Da kommt Empathie und Erfahrung ins Spiel. Folge einfach deiner Intuition.

(4) Nie die Geduld verlieren. Selbst wenn du bereits 100 Fahrer an einem Rastplatz gefragt hast, der nächste könnte dein Ticket sein. Oft leichter gesagt als getan. Aber rufe dir in Erinnerung: Du bekommst eine kostenlose Mitfahrgelegenheit, teilweise über mehrere hundert Kilometer! Also: Lässig bleiben, Vertrauen haben. Manch ein Tramper hat schon Tage an einer Stelle zugebracht, ich selbst bis zu 4 Stunden (und wer weiss wie lange, wenn ich danach nicht einen Bus genommen hätte). Also, wenn du mal ein paar Minuten mehr wartest, entspann dich oder ändere deine Planung, alles andere hilft dir ohnehin nicht wirklich.

Direkt an der Strasse ums Anhalten werben

Wenn du bei einer Auffahrt oder sonstig direkt an der Strasse gelandet bist und du dort Autos zum Anhalten bewegen möchtest, vergewissere dich, dass die Menschen dort auch für dich anhalten koennen. Sonst (falls keine nennenswerte Anhaltmöglichkeit vorhanden) kannst du wirklich fast nur in aussereuropäischen Laendern direkt an der Strasse trampen (die Türken und Georgier haben echt fast überall für mich angehalten!).

Total wichtig ist: Suche den Augenkontakt zu den Autofahrern, das gibt dem ganzen eine viel persönlichere Komponente. Sei freundlich und gepflegt in deinem Auftreten, aber niemals verstellt – schaffst du eh nicht, wenn du mal irgendwo mehr als 30 Minuten warten solltest, gibt sich das von selbst mit dem aufgesetzten freundlich sein für jeden Vorbeifahrenden 😉

Du kannst auch verrückte Sachen machen um die Gunst der Fahrer auf dich zu ziehen. So sah ich an einer italienischen Raststätte drei Nord-Makedonier (wir sprachen kurz miteinander) um jedes vorbeifahrende Auto tanzen und mit Gesten auf ihr Plakat verweisen – hatte auch was für sich 🙂

Wie du auftreten kannst siehst du hier:

Bis auf die Platzwahl hat dieser Tramper alles falsch gemacht. Sonnenbrille, Kopfhoerer, am Essen, desinteressierte Koerperhaltung und ein frech und unlesbar beschriebenes Plakat – nur besoffen und total unhygienisch waere schlimmer!

Schon besser, als der wirkich idiotische Tramper. Allerdings koennen Rechtschreibfehler auch schon das Aus dieses Trampers sein. Desweiteren machen allgemein Aussagen auf den Plakaten keinen Sinn – schreibe die Region oder Stadt dort drauf, wo dein naechsten Ziel ist. Wie geschrieben, et jeht hier auch um Psychologie!

So lobe ich mir das! Kuenstlerisch sehr wertvoll, freundliches Auftreten und den direkten Augenkontakt mit dem Autofahrer suchend. Das punktet ungemein!

Der Standard-Anhalter. Einfach mal den Daumen raushalten. Hat auch schön bei der Platzwahl darauf geachtet, dass die anhaltenden Autos in Ruhe hinter ihm Platz finden können.

Plakat oder Daumen?

In dem Fall ist es wichtig, ein Schild mit deinem (erreichbarem) Ziel gut lesbar in der Heimatsprache geschrieben vorzubereiten. Wenn du dich künstlerisch ausprobierst, lockst du auch die eher verschlossenen Autofahrer etwas aus der Reserve! An dieser Stelle noch einmal riesigen Dank an Jozseph aus der Schweiz, der mir damals seine TrampHand übberreichte. Sie ist leider nach 65 Tagen intensiver Nutzung in Thessaloniki in der Mülltonne gelandet.

Fuer kürzere Strecken, oder wenn klar ist, wo es hingehen soll – zum Beispiel wenn nur eine relevante Strasse existiert, dann ist der Daumen dein bester Helfer. Aber auch hier gilt es sich über die Länderunterschiede zu informieren (am besten auf Hitchwiki – tolles Portal mit wichtigen Erfahrungen). In der Türkei zum Beispiel habe ich fast nie ein Schild gebastelt, es ging meistens einfach so – auch weil die Strassenführung oft so klar ist.

Auswahl der Mitfahrgelegenheit

Wenn jemand für dich stehen bleibt, oder auf Nachfrage zusagt, wurdest du quasi schon ausgewählt. Doch bleib noch für ein paar Sekunden in einem Zwischenstadium, denn leider gibt es auch schwarze Schafe in unserer Welt. Bleib achtsam, wenn jemand für dich stehen bleibt. Obgleich es immer ein Glückshormonschub ist, so musst du dir doch eine gewisse Gelassenheit antrainieren um deinen künftigen Fahrer einschätzen zu können. Ist er/sie betrunken unter Drogen? Möchte er mir etwas komisches? Wenn du achtsam in den Augenkontakt gehst (auch hier nicht in jedem Land das gleich, in der Tuerkei bloss nicht zu lange in die Augen schauen, kann als Anmache verstanden werden!) und deinen Mitmenschen intuitiv spürst und genau seinen Worten lauscht, bist du im Prinzip auf der sicheren Seite. Ich habe 18 Länder getrampt, mehr als 150 Mitfahrgelegenheiten aus etwa 20 Ländern gehabt – nur zwei waren mir unkoscher. Bei dem einen gings schnell wieder raus (war auch nur eine kurze Strecke) und bei dem anderen habe ich intuitiv abgelehnt – gute Entscheidung!

Kommunikation mit den Fahrern

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Wenn du dann erfolgreich jemanden überzeugen konntest, dich in seinem Heiligtum (seinem Auto, Truck oder was auch immer) mitzunehmen, dann sei nicht abwesend in deinem intelligentem Mobiltelefon am Daddeln oder ähnliches. Suche das Gespräch, die meisten Fahrer möchten das auch. Ausserdem hast du als Tramper auch einige Geschichten zum besten zu geben.

Ganz wichtig ist, die genaue Richtung und das Ziel bzw. deinen Wiederrauswurf mit dem Fahrer zu besprechen! Ich hatte einige Situationen, v.a. wenn der Fahrer kein Englisch sprach, wo ich in eine falsche Richtung mitgenommen wurde – also vorher klar absprechen.

Ausserdem ist es fuer den Fahrer (meist alleine fahrend, wenn sie einen Anhalter mitnehmen) auch angenehm, sich einem  interessiertem Ohr mitteilen zu können oder einfach nur Gesellschaft zu haben ist vielen schon sehr angenehm. Du bist nicht sein Psychater oder Seelsorger, aber gegen ein tiefgründigeres Gespräch ist doch nichts einzuwenden. Immerhin seit ihr schon auf diese spezielle Art und Weise zusammen gekommen und habt so die einmalige Chance euch kennen zu lernen…hört sich fast an wie beim knisternden Vor dem ersten Treffen Flirten von Männlein und Weiblein…wer weiss was sich bei deiner Tramp-Tour alles ergeben wird 🙂

Was, wenn niemand dich mitnimmt?

Das ist mir zwei Mal (bei 13.400 km Tramperei insgesamt) geschehen. Dann kannst du entweder eine andere Stelle suchen, gehen oder einfach den öffentlichen (Personennah-)verkehr nutzen.

Kann mensch alles trampen?

Ich hörte von Trampern, die sogar Boote per Anhalter genommen haben. Auch ich habe die ein oder andere, für mich im Nachhinein „unglaubliche“ Stelle an zugebauten Stellen oder Grenzübergängen geschafft.

Aber du solltest es wirklich nicht überreizen. In manchen abgelegenen Regionen, an manchen Grenzen und innerhalb grosser Städte kommt das Reisen per Anhalter einfach an seine Grenzen. Beachte diese. Ich selbst bin zum Beispiel nach Kosovo und Montenegro jeweils mit dem Bus gefahren, weil ich keine Lust auf die Grenzsituation hatte – die bei solchen Grenzen erfahrungsgemäss schwierig ist. Also, den gesunden Menschenverstand bei aller Abenteuerlustigkeit nie ausschalten 🙂

Sei freundlich und dankbar!

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Du wirst immerhin kostenfrei gefahren. Das ist ein gewisser Luxus. Natürlich bedeutet das weder, du müsstest dir alles gefallen lassen noch, dass du verrückte Fahrstile (die zu Hauf praktiziert werden!) tolerieren musst.

Dankbarkeit zu zeigen und auszusprechen ist wirklich wichtig. Das gibt den Menschen viel zurück! Hier schliesst sich der Kreis: Wie wünscht du dir behandelt zu werden, als jemand der kostenfrei einen Anhalter mitnimmt?

Viel Freude, Erfahrung und Schutz für deine Reise(n) und Strecken per Anhalter. Bleib abenteuerlustig und achtsam!


Wenn du noch weitere Fragen bezüglich meiner Tramperfahrung an mich hast, bitte zögere nicht. Ich werde sie nach bestem Wissen und Gewissen beantworten.

 

Frieden sei mit dir

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