Algarve, Friedensforschungsdorf Tamera und Heimweg! (Tag 116 – 125)

Frühmorgens klingelt mein Wecker. Ich stelle ihn schlaftrunken aus. Hier unten in Andalusien, wo es im Sommer nicht einmal nachts wirklich kühl wird schlafe ich generell länger. Und da klopft es plötzlich an der Türe. Caitlin fragt, ob ich nach wie vor den Bus um kurz nach 7 Uhr nehmen möchte. Natürlich! Auf einmal bin ich wach, gepackt ist bereits, nur noch schnell den Rest verstauen, Reiseproviant in eine Tüte und ab geht das! Nachdem wir uns verabschieden, bin ich nach 10 Tagen sicherer Unterbringung und Verpflegung mal wieder im Tramper-Modus mit grobem Ziel: Friedensforschungsdorf Tamera, Tag der offenen Türe in fünf Tagen! Kürzeste Distanz mit Auto: 534 Km.

Mein Zeugs…
Nach 10 Tagen wieder in meinem 60+10 L Deuter Eclipse verstaut 🙂

Auf geht es, das waren die letzten neun Tage meiner Reise:

In Südspanien trampt es sich gut

Mein erster Versuch an einem Kreisel, der auf die mautfreie Autobahn führt, erweist sich schnell als Irrtum, als mich eine hektische Mutter mit zwei Kindern darauf hinweist, diese Auffahrt würde nicht von Menschen genutzt, die nach Sevilla fahren. So ging ich noch einmal 2,5 Stunden durch Málaga zur besseren Auffahrt (samt Tankstelle), was ein guter Startplatz ist. Von dort werde ich von „Jesus“ (einige Menschen hier heißen Jesus) 50 Km weit mitgenommen. Ein schöner Zwinker vom Universum.

An einer Tankstelle mitten im „Nirgendwo“ bekomme ich nach etwa einer halben Stunde Wartezeit dort eine wundervolle Mitfahrgelegenheit direkt bis nach Sevilla hinein. Eine alleine fahrende Frau (was auf meiner gesamten Fahrt echt selten vorkam) nahm mich mit und wir hatten einen wirklich guten und wertvollen Austausch – sie ist Lehrerin und bietet nun eine AG an, wo es um freie Entfaltung und Entspannung geht. Wow! Ein Schritt in die richtige Richtung.

In Sevilla angekommen besichtige ich erst einmal die Stadt. Es ist sehr heiß, aber gerade noch erträglich. Nach einem Bio-Eis in der Heladaria Puro & Bio geht’s zur gigantischen Kathedrale und Altstadt. Hier gibt es unzählige Pferdekutschen (was ich bedenklich finde, so wie die Pferde dort behandelt werden), die die Touristen von A nach B verfrachten. Nach einem sehr stärkendem (und bezahlbarem) Mittagessen aus Guacamole (eine Avocadopaste), Brot und Tomaten (alles aus der Region oder Spanien) geht es mit Stadtbus nach Gines (ein Stadtteil Sevillas) von wo aus ich weiter Richtung Algarve trampe. Hier stehe ich auch nicht so lange, etwa 40 Minuten schätze ich und werde bis Huelva mitgenommen.

Von dort ist es etwas schwerer weiterzukommen, an einer echt vergammelten Raststätte (die Spanier wissen einfach nicht, wie mensch vernünftige Raststätten baut!) bin ich schon dem Glauben verfallen, hier die Nacht verbringen zu müssen. Dann nimmt mich noch ein alleine fahrender Mann bis 3 Km vor die portugisische Grenze mit – die Grenzbrücke kann ich bereits sehen! Auch diese Begegnung ist wieder vom heiligen Geist mitgestaltet – ich bitte noch für eine Weiterfahrt und der Mann der mich mitnahm meinte, er wäre dort garnicht angehalten, hätte er nicht kurz vorher einen Anruf (oder Email) erhalten, die er dort im Stehen beantworten wollte – vielen Dank!

Mich erwartet trotzdem eine Nacht auf einer Raststätte. Des anbrechenden Nächtens wollen die Menschen einfach keine Tramper mehr mitnehmen. So baute ich mir aus zwei Europaletten und einer Spanplatte ein improvisiertes Bett und legte mich mit Schlafsack darauf, da auch hier die Möglichkeiten außerhalb der Raststätte mit Zelt zu nächtigen schlecht waren.

Falls du dich fragst, wo all die Fotos zu meinem Bericht bleiben -> Auflösung folgt 😉

Algarve – Küste der Höhlen

Es ist so weit! Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich in Portugal, ganz im Südwesten des europäischen Festlandes. Die Atlantikküste wartet schon sehnsüchtig darauf, von mir entdeckt zu werden!

So komme ich erst einmal in einem kleinen Örtchen an, wo wenig Tourismus ist. Aber heute ist der 15.te August – Feiertag für die heilige Maria. Gefühlt fährt ganz Portugal zum Strand um sich dort die Sonne auf den Pelz brutzeln zu lassen – nicht meine Lieblingsbeschäftigung, vor allem nicht unter 1000en anderer Menschen!

Nach kurzem überfüllter Strand-Schock trampe ich weiter nach Faro, die größte Stadt der Algarve. Eine Mutter mit ihren zwei Kindern aus Belgien gabelt mich auf und meinte sie nähme mich mit, weil ich ein hübsches Gesicht habe. Von der Mentalität geht es eins zu eins über, ich fühle kaum einen Unterschied zu Andalusien – die Menschen mögen hier noch weicher sein, weniger dramatisch.

In Faro fühle ich mich etwas verloren, besichtige ein paar schöne Gebäude der Altstadt, spreche hier und da mit den Menschen – kaum einer ist von hier, viele Reisende und Touristen. So führt es mich noch mit Regionalbus nach Lagoa.

Hier geschieht eine der vielen vielen wunderbaren Begegnungen, ohne welche ich diese Reise niemals gemeistert hätte. Am Busbahnhof in Lagos fährt aufgrund des Feiertages kein Bus mehr nach Carvoeira (wo ich übernachten möchte, um am nächsten Tag zu der Höhle von Benagil zu wandern). Das bekommt eine dort sitzende Frau mit, die auch nicht wusste, dass kein Bus mehr fahren würde. Sie schlägt spontan vor, sich gemeinsam ein Taxi nach Carvoeira zu teilen (was mich 3€ kosten sollte), so willigte ich ein. Wir verstanden uns wunderbar und ich durfte direkt bei ihr in der WG duschen und sie zeigte mir die Küste (atemberaubend!) und ihren Lieblingsstrand dort – den Praia do Paraiso! Welch ein wunderschönes Fleckchen Erde – hier sollte ich meine Nacht verbringen mit ungeahntem Verlauf.

Steine vom Himmel?!

An einer wunderbaren Stelle, wo die Treppe fast in den Strand mündet, konnte ich es mir unterm Sternenzelt gemütlich machen. Schlafsack auf Unterlegplane vom Zelt und auf ins Reich der Träume…bis, ja bis du dann vereinzelt Plumpsgeräusche im Wasser hörst und dich fragst, was da los ist. Zunächst denke ich, es sind gelöste Felskiesel, die ins Meer fallen, doch diese wären nicht soo laut! Da schau ich des Mondes halbhell erleuchtet die Klippe hinauf. Dort stehen Jugendliche (oder Kinder?) und einer wirft Steine ins Meer. Ich denke mir, das ist garnicht so weit entfernt, wo die Steine ins Wasser gehen und dann passierts tatsächlich! Ein Stein schlägt nur einige Meter neben mir auf den Fels (obwohl hier garkein Meer ist!) und ich brülle zurück: „HEEY! Somebody down here, be CAREFUL!“ Zum Glück war danach Ruhe im Schacht und ich konnte noch ein paar Minütchen die Äuglein zu machen 🙂

Die wunderbare Linda, mit welcher ich bis nach Carvoeiro kam und die mir die Küste zeigte, lud mich auf den nächsten Morgen in das Café ein, wo sie arbeitete. Dort servierte sie mir (die sich nich offiziell auf der Karte befindliche) goldene Milch. Ich hatte Tränen in den Augen, als sie mir liebevoll dieses Glas hinstellte und mir einen guten Genuss damit wünschte. Ich lebe in Fülle, welch ein Geschenk! Das lässt die geworfenen Steine vom heutigen frühesten Morgen doch direkt wieder in Vergessenheit geraten.

Tja, leider habe ich auch von diesem wundervollem Strand kein Foto…

Die Höhle von Benagil

An dieser wunderschönen und von Touris überlaufenen Höhle angekommen ist mein intelligentes Mobiltelefon futsch! :/ Ich war so naiv, es in meinem Drybag von Exped so einzupacken, wie mensch das normalerweise tut, also mehrfach eingewickelt und dann den Klip zugemacht. Ohne Test bin ich mit dem Drybag zum ersten Mal in meinem Leben im Atlantik geschwommen – ziemlich Kalt dieser Teich! Denn die Höhle von Benagil ist lediglich über den Seeweg erreichbar, oder wenn mensch sich durch die Öffnung abseilt. In der Höhle angekommen bemerke ich, dass etwas Atlantiknass ins Drybag gekommen ist – wat is dat für ein „D r y bag“ bitte?? Nun ja, das Telefon ist, wie mir ein emsiger Inder im Nachbarort erklärt, bei dem ich das Ding zur Reparatur bringe, nicht mehr brauchbar…Da bin ich froh noch drei Tage vorher in Andalusien ein Backup meiner Fotos und Videos gemacht zu haben. SIM-Karte läuft noch und ich steige schwersten Herzens auf ein neu gekauftest (liebe Menschen, die ihr in unwürdigen Arbeitsverhältnissen dafür gearbeitet habt, verzeiht mir bitte) Wiko Lenny 3 (ist das einzige was der Inder hat, was ich mit meinem Reisebudget bezahlen kann). Da stelle ich mir die Frage, wie abhängig ich bereits von diesem Gerät geworden bin – Telefon, Internet, SMS, Kamera, Kartenmaterial (offline und online) usw. Wie hat Rüdiger Nehberg das nur in den 70ern gemacht, ohne ein solches Gerät bis nach Ägypten zu trampen?

Das Foto was ihr oben seht ist übrigens durch einen der vielen vielen wunderbaren Begegnungen meiner Reise entstanden. Eine deutsche Frau kam auf mich zu und fragte, ob ich ein Foto von ihr machen könne, klaro! Dann erläuterte ich kurz meine Situation, sie meinte, sie kann auch Fotos von mir machen und mir diese später zukommen lassen – wow! Toll mitgedacht! Alle späteren Fotos sind dann vom neuen intelligenten Mobiltelefon…so weit so gu…ähm ja.

Am selben Tag geht es für mich noch weiter von Lagoa (wo ich hintrampe und wandere, in einer Affenhitze!) nach Lagos. Dort fühle ich mich sehr wohl, die Nacht auf den Felsenklippen zu verbringen 🙂

Wünderschön die Algarve! Dort unterm Sternenhimmel zu schlafen ist einfach eine Wucht. Morgens stehe ich immer gestärkt und voll von Energie auf!

Cabo de são Vicente

Bevor es für mich Richtung Tamera geht, gönne ich mir noch einen Ausflug zum äußersten Südwesten des europäischen Festlandes – Cabo de são Vicente. Auf der Busfahrt dorthin lerne ich noch eine Grundstückkaufwillige Frau aus Tschechien, wir haben ein interessantes Gespräch. Sie ist schon etwas älter und hocherstaunt über meine Art zu reisen – Was würde sie nur zu Christopher Schachts Reise (Mit 50€ um die Welt) sagen?

Und dann, ja dann treffe ich unerwartetermaßen auf einen meiner absoluten Lieblingsorte meiner Reise. Diese mächtigen und wundersamen Prachtbauten von Felsenklippen! Die Brandung, welche unten rythmisch das Gestein abarbeitet, sowie der erfrischende Westwind, der von der See kommt tun ihr übriges. Hier verweile ich eine ganze Zeit, schreibe und sinniere. Einziger Wermuthstropfen: Die Festung an der Cabo de são Vicente ist zum hinteren Teil hinaus nicht öffentlich zugänglich…

Über einen abgelegenen Surferstrand wandere ich dann zurück nach Sagres. Dort darf ich nach Einkauf am Strand eine Familie aus Bielefeld beim Verzehr meines Abendessens kennen lernen – Wo du nicht überall Deutsche triffst 😀

Friedensforschungsdorf Tamera

Das Friedensforschungsdorf Tamera in Alentejo, Portugal. Bildquelle: http://gleichgewicht.at/category/okodorf/ Alles Rechte vorbehalten.

Am Strand in Sagres kann ich nicht wirklich gut schlafen. Erstens hat dort in hörweite mitten in der Nacht ein Pärchen (oder One-Night-Stand) Sex und zweitens befallen mich die Mücken wieder. Um 04:00 Uhr nachts unter klarstem Sternenhimmel entscheide ich mich schon einmal ins Nachbarörtchen zu wandern – sind 10 Km bis nach Villa do Bispo, also ab dafür! Frühmorgens so schlaftrunken an einer größeren Straße entlangzuspazieren ist schon eine nicht alltägliche Sache – wie viel Lärm ein einziges Auto macht, wie grell dieses Licht ist…es ist kaum vorstellbar, wie das auf die Tier & Pflanzenwelt wirkt unsere permanente Dauerbelästigung mit Lärm, Schadstoffen und Lichtverschmutzung…Dazu noch die teils anstrengenden Menschen – ich fühle mit euch!

Ab Vila do Bispo reise ich auf Daumen. Das funktioniert gut hier unten, aber ich werde immer nur kurze Strecken mitgenommen, bis Odemira (noch etwa 25 Km bis Tamera). Dann ist die Trampgelegenheit echt bescheiden und mensch möchte mich hier erstmal nicht mehr mitnehmen. In dieser Gluthitze laufe ich einiges hin und her in der Stadt, checke noch die Busmöglichkeiten (nächster Bus in die Richtung in zwei Tagen 😉 ) und rege mich dann furchtbar über einen Autofahrer auf, der ein einspuriges Straßensystem wo ich vorbeikomme nicht anerkennen will. Tja, Schlafmangel und der eventuell zu verpassende Tag der offenen Türe in Tamera reizten mich etwas – aber ich merke direkt nachdem ich den Fahrer etwas blöde angemacht habe, wie dumm das von mir ist. Bekomme gleich eine dumme Anmache zurück. Gewaltfreie Kommunikation sieht anders aus Björn! Ein energisches Hinweisen auf das falsche Verhalten dieses Autofahrers mit Gestik und Mimik verknüpft wäre erfolgsverpsrechender gewesen – wieder was dazu gelernt bei gefühlt 38°C um 13:30 Uhr mittags.

Dann geschieht es doch noch und ich werde wieder um eine Urvertrauensanbindende Erfahrung reicher (insofern ich die Weisheit besitze diese auch anzunehmen): Ein Mann bringt mich bis nach Reliquias (der Ort, zu welchem Tamera bereits gehört). Dort nehmen mich vier Belgier mit, die den Weg nach Tamera erst nicht fanden (welch ein Schmankerl von Gott – denn der Weg war eigentlich klar wie Kloßbrühe, eigentlich…) ich sollte einfach noch bei Ihnen mit ins Friedensforschungsdorf kommen. Und dann erreiche ich das Ziel dieser Reise! Tamera

Geforscht wird hier an: Aufbau von Gemeinschaft, Ökologie, „Heilung der Liebe (Sexualität)“, Kooperation mit allen Wesen, Spiritualität Kunst und Heilung, Energietechnologie, Kinder & Jugend (Begleitung), regenerative Siedlungen. Na dann lasst uns mal reingehen, in dieses Friedensforschungsdorf.

Dieser See ist menschengemacht mittels Beobachtung der Wasserflüsse und einfachster Stauung (keine Planen o.ä.). Somit wird dieses sommeraride Stückchen Erde auch in der trockenen Jahreszeit gut mit Wasser versorgt! Permakultur for the win!

Freie Liebe und Befreiung der Sexualität

Tamera wird in alternativ denkenden Kreisen sofort mit dem Stichwort „freie Liebe“ verbunden. Dabei finde ich das unangemessen. Denn Liebe ist so viel mehr als Sexualität. Ich denke, „freie Sexualität“ trifft es deutlich besser. Der Ansatz ist, den Menschen frei und miteinander abgesprochen zu erlauben sich für alle möglichen Arten von Partnerschaft, eben auch mehrere Partner auf einmal, einzulassen. Für die meisten Menschen vermutlich unvorstellbar. Ich selbst habe viel darüber nachgesonnen, viel mit Menschen die es probiert haben oder die es praktizieren gesprochen, selbst sogar einmal geglaubt das tun zu wollen. Meine Partnerin und mich nicht „nur“ in eine monogame Beziehung mit (sexueller) Treue zu packen. Die Menschen in Tamera beschreiben, dass es heilsam ist diese Treue loszulassen und sich stattdessen mehr der Freiheit und dem gegenseitigen Begehren mit anderen anziehenden Menschen nachzugehen – in offener Kommunikation mit dem Partner/den Partnern. Das verlangt allen beteiligten enormes Vertrauen, ehrliche Kommunikation und Loslassen können ab. Doch frage ich mich: Ist nicht das Ziel, die Befreiung der (wahrlich eingesperrten – oder durch Pornographie obszön und oberflächlich gewordene) Sexualität auch in einer monogamen Beziehung erreichbar? Ich denke ja. Und so finde ich es spannend zu sehen, wie diese verschiedenen Ansätze ausprobiert werden. Denn die Grundlagen sind die entscheidenden: Du sprichst offen mit deinem Partner über deine Gefühle, auch hingezogen zu anderen Frauen und Männern, du sprichst über deine „Unzulänglichkeiten“, über deine Wünsche und Vorstellungen – also ist die gesunde Basis, an die wir grundsätzlich herantreten müssen (egal in welchem Partnerschaftsverhältnis auch immer) eine ehrliche und gewaltfreie Kommunikation! Und folgendes kommt noch hinzu: Liebe von Angst befreien, Sexualität ist heilig,  Partnerschaft und freie Sexualität ist (sei) kombinierbar, nimm dir Zeit zu beobachten.

Im Rahmen der „freien Liebe“ wird die Monogamie hier aufgeweicht und es steht den Menschen nach gewissen Grundprinzipien (Liebe von Angst befreien, Sexualität ist heilig, Wahrheit sprechen, Partnerschaft und freie Sexualität ist kombinierbar, nimm dir Zeit zu beobachten) frei, die Partnerschaft(en) zu gestalten. Ein wahrlich revolutionärer Ansatz. Für mich wäre es nichts, fühle mich in einer „nur“ monogamen Beziehung immer noch am wohlsten. Aber allemal hochinteressant, dieser Ansatz.

Die ethischen Richtlinien

(1) Sei wahrhaftig und transparent.

(2) Biete deine Unterstützung an.

(3) Nimm verantwortungsvoll teil.

(4) Sei glaubwürdig.

(5) Respektiere und schütze die Erde und das Leben auf ihr.

12 Thesen für ein gewaltfreies Zusammenleben auf Erden. (eigene Aufnahme)

Versuchte Autarkie & nachhaltige Technologie

Hier wird an allem möglichen gewerkelt, was Autarkie ermöglicht: Permakultur, Gemüsebeete, Obst und Nussbäume, Saatgut, Biogas, Solarkocher uvm. Ein schöner Ansatz. Aufgrund des hohen Besucheraufkommens von etwa 3000 Gästen jedes Jahr (und davon bleiben die meisten eine Woche) ist der Selbstversorgeranteil im Lebensmittelbereich mit 20% immer noch ziemlich gering. Wie es in den anderen Bereichen aussieht konnte ich nicht herausfinden. Aber auch in der normalen Küche wird nach wie vor mit Erdgas gekocht, also viele gute Ansätze aber in der Masse noch nicht umsetzbar.

Auch die Bauweise der Gebäude ist sehr nachhaltig. Regionale Baustoffe wie Holz, Stroh oder Lehm werden oft verwendet.

Aufbau von dezentralen Gemeinschaften

Das Streben der Bewohner ist, weltweit autarke Gemeinschaften nach diesen Grundprinzipien entstehen zu lassen. Das spricht mir von der Seele! Welch eine andere Gesellschaft, Politik und Lebensweise wäre so möglich? Wie würde sich der Handel, der kulturelle und spirituelle Austausch ändern, wenn sich mehr und mehr Menschen für ein solches Modell entschieden? Kaum vorstellbar in unserer heutigen so mächtig zentralisierten Welt.

Durch den political Ashram, viele Seminare und Workshops wollen die Tameraner dieses eigene Wissen weitergeben. Sie haben einige Partnerschaften in sogenannte Krisenregionen, z.B. nach Palästina oder Kolumbien, wo sie an der (bitter notwendigen) Friedensarbeit mitwirken – Impulse geben.

Mein Aufenthalt

In Tamera gab es noch einmal die volle Dröhnung an (interessanten!) Menschen und Informationen. Und vor allem: Ein Projekt zum Anfassen, bestaunen und direkt erfahrbar. Bereits seit 1995 gibt es Tamera nähe Reliquias in Alentejo (Portugal). Vorher war es in Deutschland, wo es auch von Dieter Dehm und Sabine Lichtenfels gegründet wurde (und später nach Portugal auswanderte).

Am Tag der offenen Türe machten wir einen kleinen Rundgang auf dem riesigen (insgesamt 180 Hektar großem!) Grundstück. Vom Kulturzentrum startend, vorbei an einer großen Gemeinschaftsküche mit Solarkochern, Biogasanlagen uvm. über den Saatgutgarten, Gemüsebeete, Ökologendorf, Projekthäusern, Werkstätten, dem Steinkreis in Tamera wieder zurück im Kulturzentrum. Wir konnten Fragen stellen und uns gegenseitig austauschen. Es gäbe hier viel zu schreiben, aber das wichtigste kann mensch selbst auf Tamera.org lesen und sehen.

Was ich erzählenswert finde, ist, wie hier verschiedene Religionen und spirituelle Ansichten gemeinsam innerhalb dieses Dorfprojektes harmonieren – Danke! Die krasse Spaltung aufgrund von Kirchen und Religionen auf unserem Erdenball ist nämlich manchmal kaum auszuhalten – an welche Worte du auch immer glauben magst – entscheidend ist, was für Visionen du hast, ob du an das Gute glaubst, ob du dafür sprichst und ob du dafür handelst. Und da kann mensch sich an den Tameranern (darf ich die Menschen aus Tamera so nennen?) ein wirkliches Beispiel nehmen – obgleich es sicherlich auch hier noch viel Spaltung zu überwinden gibt.

Auch interessant finde ich den Umgang mit wilden Tieren. Es befinden sich etwa 40 Wildschweine auf dem Grundstück und diese werden nicht vertrieben oder gejagt, sondern die Bewohner versuchen mit ihnen zu kommunizieren und ihnen klar zu machen, dass deren Aufenthalt auf dem Grundstück in Ordnung ist, wenn sie sich den Lebensraum fair aufteilen und die Ernte sowie die Menschen in Frieden gelassen werden – genauso lassen die Bewohner die Wildschweine dann in Frieden (und sogar mehr: sie kommunizieren mit ihnen!). Habe ich so noch nie vorher gehört, spannende Vorgehensweise, hoffentlich funktioniert es 🙂

Abends gab es veganes Abendbrot und mensch sollte sich ein zusammengestelltes Tablett mit drei anderen aus dem Tag der offenen Türe teilen (von denjenigen, die dann auch für Übernachtung und Essen zahlten). Das sorgt schon mal für Gesprächspartner, dieses 4-er System. Und so sprach ich mit einer jungen Dame aus Jerusalem, einem sonnenbrandgeplagtem Deutschen und Nr.4 habe ich vergessen. Insgesamt habe ich einige interessante Menschen hier kennen gelernt, auch wenn es nur kurzweilig war.

Abends schlief ich schnell nach Sonnenuntergang ein, ich hatte noch ein wenig Schlaf nachzuholen.

Am nächsten Tag erkundete ich das Gelände noch etwas besser und stellte immer mehr fest, wie insbesondere der fördernde und liebevolle Umgang mit den Kindern hier einen hohen Stellenwert einnimmt. Schön das zu sehen! Dann gab es eine Art Gottesdienst, alias Gesprächsrunde in der großen Halle, wo auch etwas gesungen wurde. Einer der Sprecher hat mich auch berührt, mit dem was er sagte. Es ging um Gebete für Regen, weil Portugals Wälder brannten und die Feuerwehr nicht mehr hinterher kam. Die Gebete wurden erhört und bevor es zu Dorfräumungen oder gar direkten Schaden an Tamera selbst kam, hat es geregnet und die Feuer konnten zurückgedrängt werden. Die Frage ist: Glauben wir an diese Kraft (über das Gebet oder sonstige spirituelle Rituale von Herzen), die sogar das Wetter beeinflussen können soll? Ich kann mittlerweile nichts mehr ausschließen und denke, dass das wirklich möglich ist. Unter bestimmten Voraussetzungen: Wir müssen wirklich daran glauben, es also in uns selbst sehen, fühlen und wissen.

Sonntags Matinee in der großen Halle.

Was ich ebenso wichtig finde zu erwähnen ist wie oft hier wiederholt wurde, dass es sich um ein FriedensFORSCHUNGSdorf handelt. Die Bewohner also noch nicht an der Weisheit Ende angelangt sind und sich offen für bessere und alternative Ansätze zeigen. Das ist eine wunderbare friedensfördernde Grundhaltung!

In meiner gesamten Zeit dort habe ich einige sinnvolle Impulse aufnehmen können. Ich fragte, nachdem ich noch eine Stunde im Küchendienst nach dem Mittagessen mithalf (was ich als „zahlender Gast“ – 30€ für eine Übernachtung im eigenen Zelt mit zwei Mahlzeiten – etwas viel empfand), viele nach einer Mitfahrgelegenheit und es sah erst schlecht aus. Doch als ich den Gedanken losließ, fragte ich eine vorbeigehende Franzosin mit ihrer Tochter und sie meinten sie fahren noch heute bis nördlich von Lissabon! Volltreffer und sie hatten noch Platz im Auto 🙂 Mit Hummeln im Hintern baute ich in Windeseile mein Zelt ab, holte meine getrocknete Wäsche von der Leine und konnte bei den beiden, die bereits am Auto warteten mitfahren.

Was ich noch benennen möchte ist, wie teuer jegliche Art von Aufenthalt hier ist, selbst wenn du hier ein Praktikum oder Voluntärsdienst machst – also ohnehin bereits mithilfst. Das ist mir wirklich ein Dorn im Auge. Da wäre es mir lieber, mensch macht das Dorf zu einer privaten Veranstaltung ohne den ganzen Besucher-Hick-Hack aber dafür erschwinglich, wenn nicht sogar auf Wwoofen-Regeln (also Arbeit gegen Unterbringung & Verpflegung). Für einen Kurs, Seminar oder Workshop kann mensch gerne eine Gebühr nehmen (die hier so weit ok bis mittelhoch ist). Aber von Praktikanten, die ohnehin schon kein Geld haben noch Geld zu verlangen finde ich zu viel des Guten. Zudem müssen diese oft von weit her anreisen, was ebenso Aufwand ist und ökologisch auch eher semi-sinnvoll. Da gibt es andere Einnahmequellen, mit denen beispielsweise Praktikanten kofinanziert werden könnten.

Das war mein 23 stündiger Aufenthalt im Friedensforschungsdorf Tamera – wäre nichts für mich nach Portugal so weit ab vom Schuss (!) mein Leben aufzubauen, aber generell diese Art von Gemeinschaft (bis auf das Thema mit der freien Sexualität – da bin ich noch nicht sicher, ob das nicht mehr neue Probleme schafft als vermeintlich nur dadurch zu lösen sind – ich bin da „old school“). Alles Liebe und viel Erfolg und Friedensstiftung weiterhin ihr Tameraner! Gottes reichen Segen

Nach Hause

In mir möchte ab hier alles wieder nach Hause. Ich habe so viel erlebt, so viel sehen dürfen, so viel geschenkt bekommen. Ich bin gesättigt, ich bin müde, ich möchte wieder an (anderen) Projekten arbeiten. Die Zeit ist reif. Es liegen nur noch schlappe 2340 Km zwischen mir und Münster!

Noch am selben Tag komme ich bis nach Fafe bei Braga. Dort schlafe ich mal wieder auf einer Autobahnraststätte – kam echt häufiger vor, als ich vorher gedacht hätte! Ein wunderbarer mexikanischer Ingeneur brachte mich bis hierhin, wir verstanden uns ganz gut. Doch frage ich mich: Warum muss ein Mexikaner in Portugal arbeiten? Es ist nicht so, dass Portugal keine Ingeneure hat. Es liegt einfach an dieser wahnsinnigen globalen Arbeitsmarktpolitik und der Tatsache, dass Fachkräfte in „dritte Welt Ländern“ (obgleich ich mir unsicher bin, ob Mexiko zu dieser Kategorie gehört) kaum Arbeitsmöglichkeiten mehr haben…und dann die besser bezahlten Alternativen im Ausland nehmen. Gerne tat der Mexikaner das nicht, aber er sah auch Auswanderungschancen für seine Familie. Und so nimmt die Entwurzelung auf diesem Planeten immer fort seinen Lauf. Es bleibt zu hoffen, dass solche Menschen dann auch wieder neue Wurzeln schlagen werden und keine kulturlosen Arbeitssklaven für global agierende Konzerne und Staaten werden.

Juan (der mexikanische Ingeneur) bringt mich bis nach Fafe 🙂 – Die starke Sonne der iberischen Halbinsel steht mir ins Gesicht geschrieben!

Gemütlich von Fafe nach Toulouse

Am nächsten Morgen werde ich wieder einmal reich beschenkt. Eines der ersten Autos, die ich frage sagt mir die Mitfahrt zu (ohne, dass ich zunächst weiß, wie lange die Reise gehen soll). Es stellt sich heraus, dass es meine zweitlängste Mitfahrt der gesamten Reise werden sollte: 1050 Km bis nach Toulouse. Obgleich ich von fünf Portugiesen mitgenommen wurde, war die Kommunikation und Stimmung im Auto gleich Null. Auch von mir wollte keiner etwas nennenswertes wissen und wenn es um den Weg ging, so brauchte ich viele Anläufe um ihnen zu erläutern, dass ich mit nach Toulouse kommen werde. Sie waren sehr freundlich zu mir und die Fahrt ging wunderbar schnell vorüber. Ich las viel in der Bibel (und las in einigen der Briefe aus dem NT – wieder einiges erhellendes! sowie einiges, was sicherlich nicht durch Gott niedergeschrieben wurde) und hörte Musik. Der Wagen in dem wir fuhren war reiner Luxus, ich saß sehr angenhem auf der hinteren Bank eines Mercedes Transporters (Vito oder so?). Danke, danke, danke 🙂

In Toulouse angekommen ließ ich mich doch glatt bei einer Shoppingmall aussetzen und ging sogar noch hinein, weil: Ganz einfach, es gibt freies Internet und die Möglichkeit mein intelligentes Mobiltelefon aufzuladen. Ich aß eine Kleinigkeit und lernte direkt die ausgewogenere französische Küche und den Servicecharakter in Frankreich kennen. Daran könnten sich viele ein Beispiel nehmen! Obgleich ich natürlich auch nicht viel von der mit tierischen Produkten überladenen französischen Küche restlos begeistert bin, aber die Qualität des Essens stimmt hier. Auch die französischen Raststätten sind ein Phänomen, dass Europaweit seinesgleichen sucht: Sauber, kostenfreie Toiletten, angenehm aufgebaut, größere Auswahl an Speisen und Getränken (aber dann meist auch Raststättenpreise und gerne auch Industriezeugs…) und kostenfreies WLAN (ja, strahlentechnisch nicht das Optimum immer direkt mit gepulster hochfrequenter Strahlung begrüßt zu werden, aber wenn du es mit deinem Gerät nicht empfängst, ist es denke ich halb so wild – aber mit Kabel ist einfach am sinnvollsten, geht halt bei solchen Massen nicht!).

Wunder von Toulouse

Was ich an diesem Abend noch erleben darf sucht wirklich seinesgleichen. Ich erkundige mich bei einem Passanten nach dem Weg, den ich ganz in den Norden (nach Castelnau d‘-Estretefonds) der Stadt machen wollte. Dort war eine passable Möglichkeiten für den nächsten Tag weiter gen Paris und somit in Richtung Heimat zu trampen. Ich dachte, ich kann einfach einen Bus nehmen, denkste! Die Anbindung dorthin ist bereits am frühen Abend hochkompliziert, was auch an dem Fluss liegt, der in Nord-Süd-Richtung durch die Stadt geht und wo es weniger Brücken drüber gibt, als mensch meinen mag. Ok. Also nicht einfach in einen Bus steigen und im Norden der Stadt wieder aussteigen – auf Gott vertrauen! Gehen wäre auch möglich gewesen, aber doch auch etwa 20 Km, das heißt erst nach Mitternacht da sein, völlig erschöpft. Und so geschah folgendes: Eine vorbeifahrende Frau sah mich mit dem Passanten die Streckenmöglichkeiten per Bus und Bahn durchdebattieren (5 Mal umsteigen oder so) und hielt an. Sie nahm mich auf Eigeninitiative ein gutes Stück in die richtige Richtung mit und erzählte mir, dass sie noch vor drei Tagen in Melbourne (Australien) war und sich gewünscht hätte, jemand hätte dasselbe mit ihr getan. Nun half sie mir in einer ähnlichen Situation! Von dort dachte ich, dass es gut zu Fuß möglich sei zu meinem Ziel zu kommen. Doch es kommt noch besser: Nach etwa 300 Metern Fußmarsch wartet eine alleine fahrende junge Frau auf einem Parkplatz (nein, nicht das was ihr denkt!) und sagte mir, sie sei noch vor kurzem in Dublin (Irland) gewesen und hätte gut jemanden gebrauchen können, der sie zu ihrem gewünschten Zielort bringt. Das möchte sie mir nun anbieten. Ich bin sprachlos! Zwei mal hintereinander das gleich und sie bringt mich genau zu meinem auserkorenen Ziel für die Nacht. Ich bedanke mich vielmals und stehe fassungslos (und früher als wenn ich mit Bus und Bahn gefahren wäre) in diesem nördlichsten Stadtteil von Toulouse. Ich schlage mein Lager auf und kann diese Nacht aber nur schwer schlafen. Ich fragte mich zusehends, womit ich das was ich an diesem Tage (morgens noch in Fafe auf der Raststätte aufgewacht) geschenkt bekam verdient habe. Wir leben wahrlich in Fülle, wenn wir das nur mal kollektiv sehen und anerkennen würden und auch dem anderen diese Fülle gönnen würden – in genau diesen Genuss bin ich auf meiner Reise und insbesondere an diesem Tage (dem Wunder von Toulouse) gekommen. Gemeinsam sind wir eben stark!

Paris

Am nächsten Tag frühstücke ich gemütlich (ausnahmsweise mal mit Fertiggericht vom LIDL) und watschel zur Raststätte meiner vorher achtsam gemachten Analyse. Was mensch leider nicht auf den Karten sehen kann, sind die Zäune mit denen diese Dinger umgeben sind. Wir Menschen lieben Begrenzungen – im Geiste, aber insbesondere hier auf Erden. Überall Zäune, Hinweisschilder dass das Betreten verboten sei, Mauern und und und…Manchmal frage ich mich, ob das alles ein Scherz ist. Nein, die meinen das wirklich so…Ist ja nicht so, dass jeder Zaun schlimm sei, aber viele sind einfach überflüssig und stehen für die Trennung in welcher wir uns gesamtgesellschaftlich befinden. Tja, so schnell kann das gehen. Von Tamera, wo sie mit den Wildschweinen kommunizieren wollen und eine Arte gemeinsames Auskommen suchen zum mit 2,5 m Zaun einbegrenzten Autobahnraststätte.

Dort werde ich von einem franz. Pärchen, die früher mal in Algerien trampen waren (!) etwa 80 Km mitgenommen. An der nächsten Raststätte werde ich dann wieder viel Zeit verbringen. Einer dieser verflixten Autohöfe (die Raststätten, die in beide Richtungen abfahrbar sind). Und natürlich wollen die meisten nicht in Richtung Paris, ist klar 😉 So warte ich an dieser Raststätte etwa 3 Stunden, doch dieses Warten hat sich mehr als gelohnt! Denn so treffe ich Aurelia, eine der tollsten Mitfahrten auf meiner gesamten Reise. Eine Straßenkünstlerin und Schauspielerin, die fließend englisch spricht und bereits in ganz Europa ihre Kunst zur Schau gestellt hat. Nun auf dem Wege zu ihren Eltern nach Paris!! Und es kommt noch besser. Nach einem Zwischenstop in Limoges (wo im Gegensatz zu allen anderen Städten, der Hauptbahnhof das schönste Gebäude der Stadt ist) hat sie die Gewissheit, dass ich auch bei ihren Eltern in Paris übernachten darf. Und das ermöglicht mir morgen noch einen Tag in der „Stadt der Liebe“ (welch ein fataler Falschausdruck). Aurelia ist wirklich ein wunderbarer Mensch, mit viel Erfahrung, angenehmer Vielfältigkeit in Geschmack und Ausdruck und einem lebensveränderndem Ereignis. Nach einem schweren Unfall, den sie nahezu ohne einen Kratzer überlebt hatte, änderte sich ihr Leben in einigen Facetten schlagartig. Solche Lebensgeschichten, auf dem Wege nach Hause, einfach so „for free“. Ich schrieb ja bereits, das lange warten an der Raststätte hatte sich (mehr als) gelohnt!

Aurelia und meine Wenigkeit am frühen Abend kurz vor Paris!

Am folgenden Tag (ich hatte so wunderbar bei den Eltern von Aurelia geschlafen!) wartete dann die französische Hauptstadt mit dem Eiffelturm, der Champs-Elysées Straße, dem Louvre und einem Rohkostrestaurant (schweineteuer!) auf mich – wirklich mal getarnt als Touri, siehe hier:

Der Louvre – ein pompöser vor Macht(geilheit) strotzender Palast, viel mehr als das weltweit bekannteste Kunst – und Kulturmuseum der Welt. Alles mutet hier düster für mich an, auf Blut gebaut, nicht wie es der schöne äußere Sandstein oder glasige Pyramideneindruck hinterlassesn möchte. (eigene Aufnahme)
Am kleinen Triumphbogen (immer noch am Louvre).
Containerbehausungen (vermutlich für Montagearbeiter) mitten auf der luxoriösen Champs-Elysées Straße. Welch ein Kontrast 🙂
Der Eiffelturm. Selbst an diesem Tage mit wenigen Touristen in der Stadt ist an ein Herauffahren für mich aufgrund der langen Wartezeiten nicht zu denken.
Rohkostrestaurant „Raw Cakes“. Englischsprachig benannt, aber niemand hier spricht vernünftig englisch 😀 Außerdem ist es so teuer, dass ich nur zu einem Besuch raten kann, wenn das nötige Kleingeld vorhanden ist. Qualität ist dafür hervorragend!
Ich mag diese sich durch das Zentrum ziehende Pariser Architektur, wie beispielhaft an diesem Gebäude ersichtlich.
Das Zentrum der UNESCO (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organisation) ist wohlig umzäunt und mit Kameras gesichert, erinnert mich eher an ein kleines Gefängnis. Aber diesen Text (von außen an Zaun angebracht) finde ich passend: Was wirst du tun?
Das beobachtete ich berits am Bahnhof in Limoges – hier werden Musikinstrumente der wartenden Allgemeinheit zur Verfügung gestellt und ganz offensichtlich genutzt! Wundervoll, weiter so. Könnten wir in Münster auch mal machen 🙂

Nachdem ich etwa 10 Stunden in dieser Metropole verbracht habe, fahre ich wieder zurück zu den Eltern von Aurelia, wo ich eine weitere Nacht bleiben kann. Die Eltern schenkten mir sogar die zwei Tickets von und zum Pariser Ostbahnhof! Welch eine Gastfreundschaft 🙂 Danke! Merci!

Am nächsten Morgen bringen sie mich zu einem guten Rastplatz (wie gesagt, die französischen Rastplätze sind TOP) und wir verabschieden uns. Frankreich, durch Menschen wie Aurelia und ihre Eltern bleibst du mir wahrlich positiv in Erinnerung!

Die Tramperei heute (so kurz wieder vor meinem Zuhause) verläuft äußerst gut. Zunächst werde ich etwa 200 Km in Richtung Nancy mitgenommen (wo ich vorher aussteige, so dass ich gut Richtung Saarland – deutsche Land! – weitertrampen kann). An der Raststätte dort sehe ich bereits viele deutsche Kennzeichen und nach etwa 60 Minuten Menschen um Mitfahrt bitten nimmt mich dann ein Pärchen aus Rüsselsheim genau dorthin mit zum Bahnhof! Direkt nebenan ein (noch aktives) Opelwerk und eine Statue von Gründer Adam Opel (1837 – 1895) davor. Ich bin wieder im deutschen Lande, alles ist so vertraut und doch hat sich an meiner Wahrnehmung einiges getan. Dort am Bahnhof habe ich noch ein schönes Gespräch mit einem deutsch-türkischem Mann, der meinte, wenn er das versuchen würde, hätte er es sicher schwerer, als Schwarzkopf. Und er hat vermutlich Recht – aber so lernte ich auch: Sag niemals nie. Ich männlicher blonder Kerl bin echt privilegiert, kann es nicht anders sagen. So ist es mir ein wichtiges Anliegen, schon von Anfang an, diese Reise mit allen Menschen meines Freundeskreises (und sich vergrößernden Freundeskreises), die Interesse daran haben, zu teilen.

Rohkosteria in Frankfurt

Wenn ich schon von Gott nach Rüsselsheim gesendet werde, so schaue ich natürlich noch in der Rohkosteria in Frankfurt vorbei. Mit Zug zum Hauptbahnhof…und was nehmen meine wachen Sinne hier wahr? Eine Werbeanzeige begrüßt mich mit der Überschrift „Die Hure Babylons“ (!), ich komme nach oben in das Bahnhofsgebäude und die Menschen schießen gestresst und wie Roboter an mir vorbei. Welch ein Graus, schnell raus. Ab zur Rohkosteria! Mein drittes Rohkostrestaurant auf meiner Reise (eines in Ungarn, eines in Paris und jetzt hier in Frankfurt).

Die Rohkosteria – ein rohköstliches Café mit Kuchen, Brötchen, Smoothies, „Nudeln“ uvm. Ein Besuch hier lohnt sich allemal! Preis Leistung stimmt hier auch, im Gegensatz zum Pariser Rohkostrestaurant.

Leider ist der Gründer David Ekwe-Ebobisse gerade nicht im Hause, ich hätte ihn gerne kennen gelernt. Aber auch mit seinem Mitarbeiter lässt sich ein guter, systemkritischer Schnack halten. Hier ruhe ich erst einmal, insofern das mitten in Frankfurt möglich ist und lasse mich rohköstlich verwöhnen.

Auch treffe ich die Entscheidung – nach Studium der Karte und des suboptimal möglichen Weitertrampens von hier – noch heute Abend einen günstigen Flixbus nach Dortmund zu nehmen. Du merkst, ich gebe in diesen Tagen viel mehr Geld aus, als auf weiten Teilen der Reise vorher. Es fühlt sich richtig für mich an und ich hatte noch einen kleinen Puffer, also Ticket gebucht und ab zum Busbahnhof. So eine Reise im Flixbus ist gemütlicher, als ich vorher annahm. Sie vergeht wie im Flug. Ich lese Bibel, esse Rohkost und bin mir gewiss, morgen wieder zuhause in Münster zu sein. Von Dortmund nehme ich zwei Nahverkehrszüge (mit denen ich mit Hilfe meines Studententickets reisen darf) bis nach Nottuln-Appelhülsen, etwa 20 Km westlich von Münster.

32 Km Wanderung nach Hause

Am Freitag den 24ten August ist es dann so weit. Frühmorgens um 01:20 Uhr komme ich in Nottuln-Appelhülsen an und bin einer von drei Menschen, die in diesem Dorf zu dieser späten Uhrzeit aussteigen. Ich atme die Luft, spüre die Brise und den leichten Regen (der mir seit Slowenien) mal wieder die Haut und Kleidung benetzt – welch ein Gefühl! Heimat. Ich komme erst einmal garnicht drauf klar. Ich habe eigentlich so viele Verbesserungsvorschläge für genau diese eine meine Heimat – Westfalen. Doch in diesem Moment fühle ich einfach nur die Schönheit dieser Region.

Da ich mir vorgenommen habe den Rest nach Hause zu wandern, fange ich einfach mal direkt an. Gestärkt vom Heimatgefühl, Rohkost und einfach dieser letzten wundersamen und abenteuerlichen vier Monate komme ich noch etwa 5 Km weit, bis mich die Müdigkeit ereilt und ich es mir bei leichtem Regen unter einem umgefallenem Baumstumpf gemütlich mache – einfach zusammengekauert auf Mutter Erde.

Einer meiner abenteuerlichsten Übernachtungsplätze – direkt vor meiner eigenen Haustüre!

Schon zu Sonnenaufgang um etwa 05:30 Uhr wache ich wieder auf, etwas schlaftrunken und gehe weiter über Schapdetten in die Baumberge 🙂 So gehe ich wieder auf Tuchfühlung mit meiner Heimat, mit der Landschaft und den Menschen hier. Nach einem Frühstück bei einem Bachlauf, der frisch aus einer der zahlreichen Quellen hier am Fuße der Baumberge fließt, besuche ich den Longinusturm und gehe nach Havixbeck um diese kleine Stadt auch mal besser kennen zu lernen.

Mein Heimweg ist gesäumt von Sandsteinhäusern, Fachwerk, christlichen Häusern und Skulpturen, von heimischer Natur und dem ein oder anderen schönem Gespräch (ganz nach dem „Gesetz der Anziehung“).

Christus lebt (in jedem von uns). Nicht zwingend als heiliger Mensch, sondern als Ideal, als Vorbild, meinetwegen als Erlöser (bitte nicht religiös verstehen). (Eigene Aufnahme)
Schloss Havixbeck. Schau mal einer an. Solch ein Prunk auch direkt vor unserer Haustüre. Der Louvre in Paris ist einfach nur die überdimensionierte Erweiterung derselben geistigen Grundlage – wer hat Zugang zu diesem Schloss und wer hat es für den der Zugang dazu hat gebaut? Hmmm…eine leichte Diskrepanz. (Eigene Aufnahme)
Noch in Paris für meine Heimat ersehnt und jetzt sehe ich es hier in Havixbeck – ein öffentlich bespielbares Klavier! Toll!

Dann darf ich noch einen Schlenker ins kostenfreie Sandsteinmuseum machen. Ein überaus lohnenswerter Ausflug. Das Handwerk des Steinmetzes, der Bildhauer und der Steinbrecher im Steinbruch ist mittlerweile ziemlich in Vergessenheit geraten, wo doch die Maschinen und sonstige Technologie so viel für uns übernimmt. Für mich immer wieder faszinierend, mit welcher Beständigkeit, Wissen und Kunst dann Handwerker solch einen Stein behauen konnte, ganze Schlösser daraus errichten konnte.

Im Sandsteinmuseum gab es noch eine 50er Jahre Ausstellung, die ich mir ebenso anschaute. Beim Herausgehen aus derselben fiel mir noch ein Bücherregal ins Auge und intuitiv begann ich die Buchtitel zu überfliegen. „Ich radel um die Welt“ – Oh, Reiselektüre. Dann rattert es kurz im Oberstübchen -> Ist das keine 50er Jahre Ausstellung? Wer radelte denn in den 50ern um die Welt? Ich nahm das Buch heraus und blätterte auf die erste Seite, wo die allgemeinen Informationen zum Buch drin stehen. 1954 herausgekommen. Wahrhaftig. Der Autor Heinz Helfgen hat die Welt Anfang der 50er Jahre umradelt – ohne GPS, intelligentem Mobiltelefon, adäquatem Kartenmaterial und weiterem. Mit Grenzen, die noch Grenzen waren, wo du wirklich oft Visa (vorher beantragt und genehmigt) brauchtest. Ich setze mich direkt hin, lass mich in den weichen 50er Jahre Sessel gleiten und verleibe mir die ersten 100 Seiten dieses Abenteuers ein – wow! Was dieser Mann abgerissen hat, hat meinen größten Respekt und höchste Anerkennung. Lesend begleite und bestaune ich ihn bis kurz vor Bagdad (Irak) und bin vor allem von seiner Wüstendurchquerung in Syrien begeistert, die er auf sich nimmt, obgleich ihm alle vor Ort davon abraten. Und er packt es – mit unfassbarem Abenteuer! Danke Heinz Helfgen, ein Sportsmann vor dem Herrn.

So spornte er mich an, nachdem ich das Los von meinen Untermietern erfuhr, die letzten 15 Km noch heute zurückzuwandern mit dem Ziel wieder auf meinem eigenen Bette zu schlafen. Ich dachte viel an Helfgen, Marlon (von Raw Future) und andere Reisende oder Menschen die sich zwangsläufig auf lange Wege machen müssen und das spornte mich enorm an. Ich hier auf meinen letzten Kilometern. Meine Fußsohlen brannten und meine Schultern lechzten doch etwas unter dem etwas zu voll beladenem Rucksack (mit etwa 18,5 Kg Gesamtgewicht) – doch was ist das für ein winziges Leid im Gegensatz zu dem was so viele tagtäglich ohne zu Klagen auf sich nehmen? Was ist das verglichen mit Christus, der in Liebe zu den Menschen den qualvollen Tode am Kreuz starb? Wir jammern schon oft über solche Kleinigkeiten, das kann ich nicht mehr. Es gibt wichtiges zu erledigen.

Zuhause angekommen raffe ich es noch garnicht wirklich. Ich falle auf das kleine Rasenstück vor meiner Haustüre – es ist etwa 22 Uhr. Schon kühl, aber immer noch warm genug. Ich öffne meine Tür, rieche meine eigene Wohnung, die bis vor ein paar Stunden von meinen wunderbaren Untermietern noch bewohnt war. „Welcome home“ von radical face tönte auf den letzten Metern in meinen Ohren – da bin ich wieder.

Danke.

Frieden sei mit dir

björn

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