Die Gemeinwohlökonomie – erster GWÖ-Bürgerkonvent in Minden (Rückblick)

Vor etwa 4 Jahren stieß ich zum ersten Mal auf die Gemeinwohlökonomie (GWÖ), die insbesondere durch Christian Felber aus Österreich begründet wurde. Ein Terminus aus der Naturrechtslehre des Mittelalters, der Aufklärung und katholischen Rechtsphilisophie (ein amüsantes Paradoxon).

So ergab es sich, dass ich während meines Praktikums im Naturpark Teutoburger Wald/Eggegebirge die Frau kennen lernte, die den ersten Gemeinwohlökonomie-Konvent in Minden (Westfalen) organisierte. Kurzerhand fuhr ich am 6. April dort hin und durfte mich noch einmal meiner Vergangenheit mit BWL-Studium, meinen damaligen Abbruchsgründen und Lösungsmöglichkeiten für die derzeitige Wirtschaft stellen. Verzeiht, dass der Artikel erst jetzt kommt – momentan ist bedingt durch mein letztes Semester an der Uni, Arbeit, experimentelles Permakulturgartenprojekt und den ersten Ansätzen einer Vernetzung für Aufklärung was 5G betrifft allerhand zu tun.

Wie die Wirtschaft heute häufig gedacht wird

Unendliches Wirtschaftswachstum – ein veraltetes Modell! Quelle: Pixabay

Nach klassischer Wirtschaftstheorie handelnde Unternehmen versuchen expansiv zu sein, ihre Marktanteile zu sichern und ihre Profite zu vergrößern. Dabei sind viele Mittel Recht. Umweltschutz, Arbeitnehmerrechte und das Gemeinwohl werden dabei häufig übergangen, wenn nicht mit Füßen getreten. Freilich ist das momentan nicht überall so, doch die großen marktentscheidenden Teilnehmer wie Großbanken (Citigroup, BNP Paribas, Deutsche Bank…), multinationale Konzerne (Öl (Exxon, Shell…), Medien (Warner Brothers, Axel Springer SE…), Nahrunsmittel (Nestlé, Unilever…), Rohstoffe (Heidelberg Cement, China Hogquiao Group (Aluminium)…), Energie (RWE…) geben diesen Takt vor. Dieser bedauernswerten, verkorksten und über alle Maßen fatalen Lage der Wirtschaft muss früher oder später eine Umkehr stattfinden. Doch nicht nur in den produzierenden Unternehmen, Dienstleistern und Finanzdienstleistern. Auch in den Köpfen und den Herzen der Nachfragenden und des Staates, der als Anbieter und Nachfrager agiert.

Wer oder was ist die Gemeinwohlökonomie?


Die Gemeinwohl-Ökonomie etabliert ein ethisches Wirtschaftsmodell.
Das Wohl von Mensch und Umwelt wird zum obersten Ziel des Wirtschaftens.

www.ecogood.org/de/

Die Gemeinwohl-Ökonomie ist

… auf wirtschaftlicher Ebene eine lebbare, konkret umsetzbare Alternative für Unternehmen verschiedener Größen und Rechtsformen.
Der Zweck des Wirtschaftens und die Bewertung von Unternehmenserfolg werden anhand gemeinwohl-orientierter Werte definiert.

… auf politischer Ebene ein Motor für rechtliche Veränderung. Ziel des Engagements ist ein gutes Leben für alle Lebewesen und den Planeten, unterstützt durch ein gemeinwohl-orientiertes Wirtschaftssystem.
Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Mitbestimmung sind dabei die zentralen Werte.

… auf gesellschaftlicher Ebene eine Initiative der Bewusstseinsbildung für Systemwandel, die auf dem gemeinsamen, wertschätzenden Tun möglichst vieler Menschen beruht.
Die Bewegung gibt Hoffnung und Mut und sucht die Vernetzung mit anderen Initiativen.

Sie versteht sich als ergebnisoffener, partizipativer, lokal wachsender Prozess mit globaler Ausstrahlung – symbolisch dargestellt durch die Löwenzahn-Sämchen im Logo.

Die Gemeinwohl-Matrix nach welcher Unternehmen, Kommunen und sonstige ihr Verhalten werten lassen können. Künftig könnten Unternehmen mit vielen Punkten aus dieser Matrix Steuervergünstigungen erhalten. Quelle: https://www.ecogood.org/de/gemeinwohl-bilanz/gemeinwohl-matrix/

Impulse aus dem GWÖ-Konvent in Minden

Zunächst sei hier die Gegenüberstellung von klassischer Wirtschaftstheorie und dem zugehörigen Menschenbild und der Gemeinwohlökonomie zu nennen. Adam Smith und weitere Richtungsweiser der klassischen Wirtschaftstheorie gehen von einem homo oeconomicus aus, der rational, zur Maximierung des Eigennutzens und mit voller Markttransparenz handelt. Dies konnte jedoch bereits widerlegt werden – alleine der Aspekt der reinen Ratio ist schon absurd: Oder bist du dazu in der Lage deine Kaufentscheidungen rein logisch zu tätigen? Dann wäre ja jede Werbung, die keine reine Informationsübermittlung ist völlig überflüssig 😉 Zudem ist der Mensch (in den meisten Fällen) zuerst hilfsbereit, dienlich. Erst nach schlechten Erfahrungen wird er härter oder mehr auf den eigenen Vorteil bedacht (egoistisch).

Konsequent lösungsorientiert denken. Das durfte ich vom Sprecher Dawid Schimmel, mit dem ich die Mittagspause verbrachte, mitnehmen. Wie kommunizieren wir gut, was unterscheidet Führung von Management und wie halte ich mich jeden Tag lernbereit? Ursprünglich wollte ich ein gemachtes Interview mit ihm hochladen, doch dies ist leider vom Ton und Bild so miserabel geworden, dass es nicht vorzeigbar ist :/

Herzvorzuheben ist die Schirmherrschaft dieser Veranstaltung: Es ist vom Mindener Bürgermeister höchstpersönlich. Das ist durchaus ein Zeichen. Doch leider war er nicht persönlich vor Ort (wie ursprünglich geplant). Dieses Zeichen lässt mich allerdings auch aufhorchen, denn normalerweise sind grundlegende sinnvolle Änderungen eher von Bürgermeistern igonriert oder bekämpft, anstatt die Schirmherrschaft inne zu haben. Ist die GWÖ zu lasch, oder findet bereits ein grundlegendes Umdenken statt?

Gemeinsame Diskussion

Besonders zugesagt hat mir die Fish-Bowl Diskussion, bei der jeder aus dem Publikum eingeladen war, sich argumentativ oder fragend einzubringen. Eine wunderbare Plattform! Ich selbst hielt mich an diesem Tage zurück, obgleich in mir einige Fragen insbesondere zur notwendigen Geldreform und alternativen Geld/Schenksystemen schwelten – dies ist nämlich – wie ich mit höchstem Bedauern feststellen musste – kein ausgesprochenes Ziel der GWÖ.

Im Allgemeinen war eine aufgeschlossene, visionäre Grundstimmung vorhanden, die trotzdem in Zurückhaltung zu genießen ist. Denn dies war lediglich ein Treff zum Austausch, Informieren, Kennen lernen und grobem Zielaustausch – nichts verbindliches. Es war durchaus eine good feeling Veranstaltung, was sein für und wieder hat. Fakt ist: Es hat mich bereichert, es wurde offen diskutiert und die Informationen waren größtenteils hörenswert.

Kritik

Was ich jedoch immer wieder nicht hörenswert empfinde, ist diese Panikmache wegen des menschengemachten Klimawandels. So wurde das Zitat von Greta Thunberg (Fridays for future Initiatorin), wir sollen Panik bekommen, positiv dargestellt. Ehrfurcht vor der Natur und Traurigkeit um die Zerstörung eben dieser größtenteils für einen Luxus der Wenigen (global betrachtet) finde ich höchst wichtig. Doch Panik hat bei keiner Entscheidungsfindung jemals geholfen. Bilder vom untergehenden Kölner Dom beispielsweise sind einfach Propaganda, die selbst, wenn sie einen sinnvollen Wandel hervorbringen soll, niemals das Mittel sein darf. Der Meeresspiegel stieg nämlich von 1000 v.Chr. bis 1975 um etwa 0,11 m/Jahrhundert! Auch wenn diese Rate zwischen 1998 und heute auf 0,32 m/Jahrhundert gestiegen ist, so wäre ein erreichen des Kölner Stadtgebietes doch noch in weiter Ferne. Natürlich ist das Thema des menschengemachten Klimawandels, insbesondere der direkten Zerstörung von Waldgebieten, den Monokulturen in Forst und Landwirtschaft sowie Bodenerosion wertvoller Oberbodenhorizonte, wichtig. Doch Panik können wir auch da nicht gebrauchen. Ebenso denke ich, es ist menschliche Hybris zu glauben, wir könnten das Klima in einem gesunden Rahmen regulieren. Da frage ich mich zusätzlich: Wer hat die Deutungshoheit über das was als gesunder Rahmen wahr genommen wird?

Freiwilligkeit vs. gesetzlicher Zwang

Ich kann nachvollziehen, dass rein freiwillige Regelungen im momentanen kollektiven Bewusstseinszustand zu eher verhaltenen Änderungen führen wird. Doch sehen wir, dass bereits 1980 Unternehmen freiwillig die GWÖ-Bilanzierung machen, was ich persönlich grundsätzlich begrüße. Natürlich wäre es schön, wenn solche Unternehmen Vorteile in unserer derzeitigen monogeldorientierten Marktwelt, genießen würden, die besonders mitweltfreundlich, arbeitnehmerfreundlich und transparent agieren.

Doch bin ich ein Freund von „So viele Regeln wie nötig und nur so viele wie müssen.“ Manche Leute beim Konvent muteten mit eher planwirtschaftliche Zügen an – was ich ablehne. Aber wie sich das weiter entwicklen wird zeigt sich. Ich gehe davon aus, dass die Gemeinwohlökonomiebewegung keine Planwirtschaft hervorbringen wird, sondern (wenn im großen Stil umgesetzt) ein Umdenken. Hoffentlich nicht nur, weil dann positive Geldanreize für eine hohe Punktzahl in der GWÖ-Bilanz gesetzt worden sind. Sondern viel mehr, weil die Menschen den Wandel als gesund und notwendig erachten!

Andere sollen die Probleme lösen…

Oft erkenne ich Tendenzen in die Richtung: Es wird erwartet, dass andere die Probleme lösen sollen/werden. Das ist natürlich richtig, dass die Leute in Poltitik und Wirtschaft eigentlich diesen Auftrag haben. Doch können wir leidvoll und mitfühhlend sehenden Auges erkennen, dass dieser Auftrag oft mit Füßen getreten wird – mit schillernder Außendarstellung. Deshalb ist es unsere Pflicht Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Für ein Verständnis der Sinnhaftigkeit von Bewegungen, wie der GWÖ oder solidarischer Landwirtschaft, müssen wir keine Wirtschaftsexperten werden. Vielmehr müssen wir unser Herz mit unserem Verstand verknüpfen lernen und uns trauen, natürlich Prinzipien und solche die wir intuitiv für richtig erachten auch auf Wirtschaftsprozesse übertragen werden dürfen.

Im Beitrag über den GWÖ-Konvent steht es wunderbar beschrieben:

„Zu überwinden gilt es also nicht die Herausforderungen des Klimawandels, der Umweltschäden, des Artensterbens, der Folgen von Krieg, Hunger und Vertreibung. Hierfür gibt es bereits die passenden Lösungen. Sondern wir müssen Eigennutz, Trägheit, Resignation vor Pfadabhängigkeiten und Egoismus, das Verliebtsein in Feindbilder und Schuldzuweisung an andere – dann zeigen immer drei Finger auf uns selbst – überwinden. Im persönlichen Handeln ebenso wie auf den großen Bühnen von Politik, Wirtschaft und in der Finanzwelt.“

https://gwoe-owl.org/minden-luebbecke/buergerinnenkonvent-wirtschaft/

Workshops

Zu guter letzt möchte ich noch die gemachten Workshops vorstellen. In diesem Teil des Tages war schon etwas die Luft raus, doch haben alle noch mit Bravour weiter gewerkelt und gegrübelt.

Es gab zunächst Impulse, wie zu dem Geschwisterkindprojekt der Lebenshilfe Minden, einem Text zur Notwendigkeit des radikalen Umdenkens und der Idee eines Unverpackt-Ladens in Minden. Daraufhin setzten wir uns in vier Arbeitsgruppen zusammen: Energie-/Ressourcenwende, Mobilitätswende, Ernährungswende und Industriewende.

Folgende Ziele wurden dabei von den jeweiligen Gruppen erarbeitet:

  • 100% erneuerbare Energien und netto Null Freiflächenverbrauch bis 2030.
  • 40% Senkund des Energieverbrauchs bis 2034. Zusätzlich wurden
  • 40% Senkung des durchschnittlichen Lebensraumes gefordert
  • ÖPNV soll ausgebaut werden (15-Min. Taktung)
  • mehr elektro-Mobilität und autofreie Tage sollen etabliert werden
  • Eine Fußgänger- und Fahrradfreundlichere Infrastruktur
  • Für unerlaubtes Parken soll die Parkkralle eingeführt werden (wofür?)
  • Städtepartnerschaften für essbare Region soll von Köln bis Minden führen
  • Der Unverpackt-Laden hat sich etabliert und Minden wird Teil der Zero-waste-Bewegung
  • Verpflegung in öffentlichen Einrichtung, sowie öffentlicher Verwaltung soll bis 2025 zu 70% aus regionalen Lebensmitteln mit ökologischem Anbau gedeckt werden
  • Bis 2027 soll die Logistik der Lebensmittelverarbeitenden Unternehmen so ausgebaut werden, dass eine komplette Verwertung möglich sein wird.

Alle weiteren Ziele und Informationen könnt ihr hier im Artikel der GWÖ-Ostwestfalen Gruppe einsehen.

Logo: GWÖ-OWL

Mein persönliches Fazit: Neben hervorragender Versorgung aus geretteten und/oder ökologischen leckeren Suppern, Snacks, Kuchen und Getränken gab es visionäre Grundeinstellungen zu entdecken, zu erfahren und bereits einen Hauch von Veränderung zu spüren. Natürlich muss man weiter kritisch und hinterfragend bleiben, doch eine Ausrichtung auf eine gemeinwohlorientierte regionaler wirtschaftende Zukunft ist mehr als zu begrüßen. Die Vorgehensweise der GWÖ ist enkeltauglich, jedoch fehlt nach wie vor der entscheidende Punkt der Geld- (und Boden)reform, ohne den ich fürchte, dass wir lediglich eine sinnvolle Verlagerung erleben werden, jedoch keinen „kompletten Systemwechsel“. Mein Dank gilt den Initiatoren und Teilnehmern – lasst uns weiter machen.

Frieden sei mit euch

PS: Ich nutze auf meinem Blog keine *innen und ähnliches, weil das den Lesefluss unterbricht. Ich spreche alle Geschlechter an, indem ich das normale Genus verwende. Auch empfinde ich, dass ich dadurch niemanden benachteilige – das tun eher diejenigen, welche dies als Problem erachten. Zusätzlich denke ich, haben wir WEIT größere Herausforderungen als ein paar Sprachanpassungen vorzunehmen, die meines Erachtens nach nicht notwendig sind. Es heißt beispielsweise „die Leute“ (weiblich) und ich als Mann fühle mich da nicht ausgeschlossen. Auch mit „jeder“ ist „jeder (Mensch/Angesprochene)“ gemeint usw. Wollte ich nur mal an dieser Stelle einbringen, weil das in der GWÖ viel praktiziert wird mit den *innen und ich das schlicht nicht mache. In der Vergangenheit habe ich mal Artikel die nur auf die weibliche Endung enden geschrieben, habe ich auch nichts bei 😉

Titelfoto: Das Logo der Initiative Gemeinwohl-Ökonomie. Verein zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie

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