Natur neu entdecken

Wir Menschen sind ein Teil dieser Erde, ein Teil dieses gigantischen wunderschönen Ökosystems. Die darin befindliche Natur in all ihren Facetten, beinhaltet weit mehr als Bäume, Tiere und Meere, die gut ausschauen – die Natur ist ein wildes, scheinbar chaotisches und nährendes Wesen. Freilich tun gerade viele etwas dafür, dass die Natur und Mutter Erde uns vermutlich momentan als Parasit wahr nimmt – ein Ökozid, also das Absterben dieses Ökosystems, ist aufgrund unserer Handlungen im Gange. Wir haben uns größtenteils von der Natur entfremdet, hören ihre Einladungen mit ihr zu sein und ihre Hilferufe nach Veränderung unseres Umgangs mit ihr kaum noch. Diesen Ruf müssen wir wieder wahr nehmen, in uns spüren. Obgleich ein gewisser Glaube verbreitet ist, die Natur sei voller Gefahren und wenn die Kinder erst einmal dreckig geworden sind…

…Wir gehören in die Natur!

Bildquelle: Pixabay.com/de

Die einseitige Denkweise von der Natur als gefährlichen, Katastrophen hervorrufenden und zu meidenden Ort lehnt einen Teil in uns selbst – einen Teil unserer eigenen Natur – irrationalerweise ab. Wir müssen uns wieder mit der Natur verbinden! Es ist unsere heilige Pflicht zu begreifen, wo(mit) wir hier leben. Wir müssen die Natur erfahren um sie wertzuschätzen und schützen zu lernen. Wir müssen uns wieder als einen Teil von ihr erkennen und die Möglichkeit einsehen, dass wir auch in Symbiose (sich gegenseitig helfend) miteinander leben können. Und ja, es lauern Risiken wie Insektenstiche, umfallende Bäume oder weit ab der Besiedelung die Orientierung zu verlieren. Auch das teils unberechenbare Wetter setzt einem da draußen manchmal ordentlich zu. Aber genau das hat auch einen Reiz – es ist einfach unberechenbar. Und genau das macht uns widerstandsfähiger, lässt unsere Sinne schärfer werden.

Mit meiner wunderbaren Freundin war ich mal ein paar Tage in den Niederlanden an der Nordsee. Es war genau zu dieser Zeit sehr windig, fast stürmisch. Wir sind die einzigen gewesen, die trotzdem am Strand dem wehenden Sand trotzend einen langen (weil mühsamen) Spaziergang am Meer gemacht haben – ein schönes kleines Abenteuer! Um die Natur zu erfahren muss mensch nicht gleich wie Rüdiger Nehberg auf einem Baumstamm von Europa nach Südamerika fahren. Ich möchte dich umgekehrt fragen: Was für ein Gefühl bekommst du beim Anblick eines ganzen Feldes voller Bärlauch im Frühjahr? Was spürst du an einem milden Sommertag in einem modrig duftendem Nadelwald?

Das Rotkehlchen, einer unserer bekanntesten Singvögel. Bildquelle: Pixabay.com/de

Was bewirkt es in dir, wenn du einfach dem Orchester der Singvögel lauschst? Was ist das für ein Gefühl, in den Bergen fern ab von Besiedelung zu sein? Wie fühlt es sich an, in den Wellen des Meeres zu schwimmen? Das ist es unter anderem, worüber ich hier schreibe: Über Faszination, Wertschätzung und zu sich selbst kommen. Sich der Natur und ihrem Schauspiel hinzugeben und einfach darin zu verweilen kann uns Menschen Ruhe, Heilung und Erkenntnis geben. Wir müssen nicht sofort in ein Baumhaus umziehen und uns nur noch von Wildpflanzen, Insekten und Birkensaft ernähren um dieses hochkomplexe Wesen namens Natur ganzheitlich zu erfahren. Bereits ein eigener (Schreber-)Garten gibt uns einen wunderbaren Zugang zur Natur. Und ja, es ist so weit gekommen. Wir brauchen mehr als nur einen Spaziergang auf ausgetrampelten breiten Wegen in der Natur. Wir sind angehalten uns langfristig mit ihr auseinanderzusetzen.

Wie ich die Natur neu zu entdecken begann

Ich durfte in meinem neunzehnten Lebensjahr anfangen die Natur (und meine eigene Natur) anfangen die Natur mit anderen Augen wahr zu nehmen. Es ist nicht so, dass es mir vorher komplett verborgen war, doch ist der Unterschied, der sich mir ab diesem Lebensjahr offenbarte gewaltig. Ich schaute einen Kurzbeitrag auf YouTube mit dem Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl (ein wirklich toller Mensch). Es handelte von der Brennessel.

Brennessel (Urtica dioica) Bildquelle: Pixabay.com/de

Eine Pflanze, von der ich bis dahin dachte, die nesselt mich nur, das tut weh, Abstand nehmen. Dass es eine der nährstoffreichsten, sehr vielseitig einsetzbaren Pflanzen (Eisen, Vitamin C uvm.) in unseren Breiten ist, die mensch mit den bloßen Händen ernten kann (wenn mensch die Nesseln von unten nach oben mit ihrer Ausrichtung streift – Übung macht die Meisterin!) war mir vollkommen unbewusst. Die Brennessel zeigt viel Stickstoffbindung im Boden an, kann in Jaucheform als Pflanzendünger dienen, ist Brutplatz für selten gewordene Insekten und hat mythologisch eine Verbindung zum Mars („dem Kriegsgott“) da sie sich mit ihren Nesseln zu verteidigen weiß…Welch faszinierende Betrachtung dieser Pflanze! Es war Juni als ich den Videobeitrag von Storl sah. So fuhr ich noch an diesem Tag raus in ein benachbartes Waldstück und erntete Brennesselblätter, aus denen mensch unter anderem blutbildenden Tee kochen kann. Was für ein wundervolles Gefühl das war, dieses Stück Natur zu erfahren, neu zu entdecken. Und es hat wirklich funktioniert. Natürlich habe ich mich auch genesselt, aber nur ein paar Mal. Am Folgetag viel mir auch ein vibrierendes, leicht taubes Gefühl in der Kuppe meines Zeigefingers, mit dem ich die einzelnen Blätter erntete auf. Aber das hilft ja bekanntlich gegen Reuma. Also, ich lebte danach noch putzmunter und so begann eine neue Liebe. Ich baute eine komplett neue Verbindung zu Mutter Erde und ihrer wunderschönen, komplexen und ja auch gefährlichen Natur auf. Es wäre vermessen, die Natur einseitig zu romantisieren. Doch sie aus völligem Fehlverständnis und Angst heraus durchweg zu meiden halte ich für mindestens genauso gefährlich – diese Menschen wissen garnicht was sie da für einen Schatz unberührt lassen. Außerdem ist es mit der Natur, wie mit allem im Leben. Wir müssen damit eigenverantwortlich umzugehen wissen!

Einfach machen

Es gibt heutzutage immer noch tolle Möglichkeiten die Natur in all ihren Facetten zu erfahren. In wildnispädagogischen Vereinen gibt es zum Beispiel Workshops und Seminare zu Themen wie Spuren lesen, über dem Feuer kochen oder Survival. Wer etwas mehr möchte kann geführte Wandertouren durch Nationalparke mitmachen uvm.

Juckt es dich nicht auch, dort draußen einfach mal zu verweilen? Bildquelle: Pixabay.com/de

Mindestens genauso spannend finde ich es, sich selbst auf den Weg zu machen. Einfach mal einen Tag frühmorgens raus in den nächsten Naturpark und dort den ganzen Tag verbringen oder in einem Boot auf einen See hinaus rudern (nicht mit Motorbetrieb) und dort vor sich hintreiben…

Einen Anfang kann wirklich jede machen, indem sie in einen Teil der Natur ihrer Wahl fährt (am besten möglichst nah an zuhause, aber ohne dass du durch menschliche Aktivität abgelenkt werden kannst) und dort einfach einen Kraftplatz aussucht. Einen Ort der dir besonders gefällt, ganz intuitiv. Dort lässt du dich auf einem Baumstumpf, auf einem Baumast oder einer mitgebrachten Decke/Schaffell (oder oder oder) einfach nieder und nimmst 30 Minuten wahr, was da ist. Bewege dich so wenig wie möglich in dieser Zeit, lausche einfach hin. Lass deine eigenen Gedanken weiterziehen. Habe Vertrauen, dass du sicher und geborgen bist. Falls ungeahnterweise doch eine ernsthafte Gefahr auftritt, solltest du dich natürlich entsprechend verhalten. Aber das versteht sich denke ich von selbst. Diese Methode nennt sich in der Wildnispädagogik Sitzplatz. So einfach wie ihr Name ist auch ihre Anwendung und Wirkung – probiere dich einfach mal aus.

Für weitere Auseinandersetzung, insbesondere mit (den eigenen) Kindern, mit der Neuentdeckung unserer Verbindung zur Natur kann ich wärmstens den Coyote-Führer von Jon Young, Ellen Haas und Evan McGown empfehlen. Eine wunderbare Einführung in Grundprinzipien, Spiele und Herangehensweisen für eine tiefere Verbindung mit der Natur. Die eine jede von uns wirklich gut gebrauchen kann.