Vor genau einem Monat kam ich zurück in die von Corona und den damit begründeten Einschränkungen geprägte Welt. Kulturschock. Im doppelten Sinne. Denn vorher war meine Wenigkeit für 10 Tage umgeben von Natur, Permakulturisten, Erlebnispädagogen, Ökodörflern und Ideen für eine nachhaltige Welt.

Eine Frage neben vielen weiteren…Wie die Welt aussähe, wenn wir statt Monokulturen Permakulturen betreiben würden? Nicht nur in der Landwirtschaft und Behandlung unserer Lebensgrundlage Mutter Erde. Sondern auch im Sozialen, Ökonomischen und Spirituellem. Mir ist bewusst, dass diese Sichtweise für viele gar als utopisch und unerreichbar klingen mag. Doch im Gegensatz zu Helmut Schmidt, der Menschen mit Visionen zum Arzt schicken würde, bin ich mir sicher, dass solche Bilder Antreiber für die entscheidenden Veränderungen unserer Verhaltensmuster sein werden. Gerade in unserer wirren Corona-Zeit, sind wir angehalten, über die Grundzüge unserer Gemeinschaft nachzusinnen. Wenn wir etwas ändern wollen, dann müssen wir es an der Wurzel tun – also radikal. So lehrt es auch die Permakultur. Doch radikal wird häufig mit aggressiv verwechselt. Hier geht es jedoch um eine Graswurzelbewegung und eine dazugehörige Denkweise – niemand muss dabei aggressiv sein.

Man könnte meinen, diese Denkweise sei ein Nischenthema. Ganz im Gegenteil. Mittlerweile gibt es sogar eine Region in Frankreich, die sich das ambitionierte Ziel setzte, bis zu diesem Jahr lebensmittelautark durch Permakultur zu werden. Im Zentrum steht die Stadt Albi mit 51.000 Einwohnern.

Caduceus Zentrum

Das Caduceus Zentrum in der Lüneburger Heide wurde von Karin und Peter Findeisen aufgebaut und noch heute betrieben. Es ist der größte Veranstaltungsort des Sufi-Ordens und ein Knotenpunkt für die Forschung zu Meditation und Psychologie. Der Name Caduceus kommt vom Hermesstab. Dieser diente den Überbringern von Botschaften, zum Beispiel in Kriegssituationen, zur Immunität.

Trampen und Waldbaden

Vor Corona noch möglich: 320 Km in die Lüneburger Heide trampen

Mit nur 4 Fahrten und einer Zwischenstation bei Verwandten (Danke!) werde ich direkt vor dem Caduceus-Zentrum abgesetzt. Ankommen, Waldluft, Ruhe! Und schrittweise die anderen Teilnehmenden kennen lernen. Vollwertiges biologisches Futter, eine Hütte im Wald und erste Grundstücksbegehung mit vielen Projektideen.

Mein Freund, die Birke

Die Biohardware ist mit ausreichend nährstoffreicher Zufuhr versorgt: So kann die Retreat-Hütte bezogen werden. Es ist die Birken-Hütte! Mein pflanzlicher Verbündeter – wie passend! Die Birke (Betula pendula) ist eine Pionierpflanze, die auch hier auf dem sandigen nährstoffarmen Heideboden gedeiht und diesen für die weitere Sukzession vorbereitet. Der Baum der Dichter und Poeten! Auf ihrer Rinde wurden erste schriftliche Werke verewigt. Sie bringt die Dinge in den Fluss, wie wir an ihrem bekömmlichem Birkenwasser und ihrer Pionierart erkennen können. Eine Baumart, die viel Licht braucht und ungewöhnlich jung verstirbt. Sie wird maximal 100 Jahre alt – ein zartes Alter für Bäume.

Wie Permakultur die Welt verändern könnte

Eine Zusammenstellung von Permakulturprojekten. Quelle: Vamos der Zirkeldreher

Permakulturell werden

Auf uns wartet die Umgestaltung von Teilen des Zentrumgeländes im Sinne der Permakultur 🙂 Bei dieser Art geht es nicht nur um regenerative Landschaftsarchitektur und symbiotische Selbstversorgergärten. Es ist ein Konzept, welches 12 Grundprinzipien kennt, die ganzheitlich ausgerichtet sind. So bezieht sie sich im weiteren Sinne auch auf wirtschaftliche Kreisläufe, soziales Miteinander und spirituelle Entwicklung.

Die ethischen Prinzipien lauten Earth care – People care – fair share. Sorge dich um die Erde, sorge dich um die Menschen und begrenze Wachstum und Konsum. Verteile Überschüsse und genieße diese Fülle bewusst und dankbar.

Ganz konkret vor Ort entstehen riesige Schichtbeete (sog. Swales). Um die Humusschicht des Bodens zu revolutionieren. Der ausgehobene Sand wird teilweise als Windbrecher und Wärmefalle aufgehäuft. Viele Pflanzenarten von Obstbäumen über Sanddorn und Heidelbeere, bis hin zu Leguminosen sollen hier ausprobiert werden. Insektenparadiese, ein Brutstall für die Hühner, Hochbeete und vieles mehr standen auf dem Plan der privaten Arbeitswochen. Der sandige und nährstoffarme Heideboden soll aufgewertet werden. Kleine Teiche werden zusätzlich angelegt, um insbesondere Amphibien und Insekten Brutmöglichkeiten zu bieten. Das wirkt sich wiederum auf die weitere Flora und (Vogel-)Fauna aus. Soweit die grobe Theorie zum Permakulturkonzept. Doch bevor das alles vor sich hin permakulturieren kann, ist erst einmal ein menschgemachter Vulkanausbruch angesagt! Sprich: Wir griffen massiv in die geschichteten Lebensraum Erde ein, um eben diese fruchtbarer zu machen.

Eigene Beigeisterung für Permakultur schafft insbesondere unser Gartenprojekt des AStA in Münster. Macht’s doch mal einen Ausflug zu uns, wenn ihr in Münster wohnt oder für all die anderen geht das auch auf unsere Internetseite 😉

Inspirierende Pioniere

Die Permakulturdesigner Barbara und Erich Graf (ebenso in But Beautiful portraitiert) lieferten die Impulse für die Umgestaltung des Grundstücks. Vom Heideboden zur Permakultur, ein großes Vorhaben, viele Ideen, eine Vision – für die Umsetzung sind wir hier.

Diese inspirierende Dokumentation über die Revitalisierung des unfruchtbar gewordenen Landes durch Permakulturprinzipien, Anwendung von anthroposophischen Prinzipien und Praktiken nach Wilhelm Reich schauten wir gemeinsam. Ob alles im Film gezeigte die Ursache und Wirkung hat, wie die Grafs es glauben, sei dahin gestellt. Fakt ist: Sie beleben ein vollkommen öd gewordenes Land, das durch Monokulturen und Wasserverschwendung in diesen katastrophalen Zustand gebracht wurde. Welch eine Inspiration, da springt das Herz höher!

AUTarcaMatricultura – Permakultur im Zeitalter konvergierender Krisen – La Palma – Kanaren – Spanien

Was permakulturelles Tun bewirkt

Die Nähe zur Natur, weg von Strahlung, Lärm und zu vielen Eindrücken: Entschleunigend, heilsam, klärend in der Innerwelt.

Unsere Gemeinschaft: Zusammenhalt, Ansätze der GfK, bedarfsorientiert, engagiert. Immer mal wieder Spielchen, Scherze und gemeinsame Aktionen.

Die Arbeit mit der Erde: Härtet ab, macht resilient. Regen, Wind und Sonne wechseln sich ab, mein Körper spürt das, aber pulsiert lebendig.

Was ich lern(t)e

Erkenntnisse, das Lebenselixier des Lebenskünstlers. So bestätigen und reihen sich wieder ein:

  • Langsam, überlegt und strukturierter Denken und Sprechen
  • Authentisch in Gemeinschaft sein
  • Bedürfnisse erfragen und mitteilen, Wahrnehmungen nachfragen
  • Kunst und Kultur innerlich lebendig halten
  • Bagger fahren!
  • Permakulturell denken, mit dem was du vor Ort hast, in Kreisläufen, symbiotisch, verbindend
  • Und ganz wichtig: Einfach machen!

Einen kühlen Kopf und ein warmes Herz euch allen


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