Ramstein ist keine Band – Friedenscamp 2019

Bekannt ist Rammstein, Ramstein umso weniger. Wer wollte schon Mal die Band Rammstein live und in Farbe sehen – mit übertriebener Pyroshow auf einer Riesenbühne? Hier in Ramstein (bei Kaiserslautern in der Pfalz) steht so etwas wie eine Riesenbühne (die Air Base), wo täglich ein gruseliges Schauspiel aus Düsenjägern, Militärtransportflugzeugen und über die Satelliten-Relais-Station gelenkte Drohnen abläuft, das seines Gleichen sucht. Mir kam die Frage auf, ob das so sein soll, dass fast niemand diese (relevante) Air-Base kennt, dafür fast alle diese (irrelevante) Band Rammstein…

Zu diesem ominösen Ort Ramstein, genauer geschrieben, Ramstein-Miesenbach, sind Harpyie, Julian und meine Wenigkeit gefahren. Zum Friedenscamp 2019 (23.06. – 30.06.2019) mit Infoveranstaltungen, Kundgebungen und Demonstrationen in der ganzen Region.

Teil des Friedenscamps, ein Ort, der zeigt, dass es anders geht.

Impressionen und Interviews dieser Aktionswoche hier von EingeSCHENKt.tv zusammen gefasst. Mit Oskar Lafontaine, Dieter Dehm, Ken Jebsen und einigen mehr.

Ziviler Ungehorsam & Demonstration vor der Air-Base

Nachdem wir uns zwei Tage auf der Hinfahrt und im Camp eingegroovt hatten, durfte es direkt zur Sache gehen. Ohne große Trainings wurde ein gesonderter Demozug organisiert, an welchem wir teilnahmen. Die Zufahrtstraße zur Air-Base sollte durch Aktivisten blockiert werden. Im Nachhinein betrachtet aufgrund des hohen Polizeiaufgebotes und der geringen Anzahl an Teilnehmern an dieser Aktion (etwa 80) ein Selbstmord-Kommando, dass viele demotiviert hat. Aber wir wollten das Beste draus machen, zivilen Ungehorsam praktizieren, die Stufe des Demonstrierens („zeigen“) noch übersteigen. Aktiv aufzeigen, dass dieser Ort (die Air-Base-Ramstein) nicht vereinbar ist mit einer Welt in aufrichtigem Frieden.

Alleine die Herausforderung zum Treffpunkt (an der Gedenkstätte zum Flugunglück an der Air-Base) zu gelangen, war bereits nicht ohne (manche hatten es deswegn nicht rechtzeitig geschafft). Nachdem wir an der Landstraße einen Parkplatz im Wald gefunden hatten, weil der große Parkplatz vor der Air-Base weiträumig von der Polizei gesperrt war (sowie die Straßenführung geändert war uvm.), mussten wir noch einen Km zu Fuß dort hingehen. Strategisch also ungünstig. Dort warteten bereits ungefähr genauso viele Polizisten wie Demonstranten 😀 – welch ein „elitärer Schutz“! Dieser Schutz verhinderte jedoch unvorhersehbarweise ( 😉 ) genauso die Blockadeaktion, die zu einer kurzen Einkesselung von 50 Demonstranten in einer Unterführung führte.

Dieser Demozug lief an diesem ver-heiß-ungsvollem Tag nach einigem Hin – und Her weiter zur Hauptkundgebung am Kreisel vor der Air-Base. Ganz ohne weitere spontane Zwischenaktionen – so das Abstimmungsergebnis des Plenums. Alle waren ziemlich geplättet und demotiviert – Chants wollten nicht mehr mitgesungen werden, schade eigentlich. Denn genau diese Vibes hätten uns und diesen Ort wohl möglich auf andere Gedanken gebracht.

Die Kundgebung und Demo vor der Air-Base haben wir kaum mitbekommen. Es waren jedoch wieder ähnlich viele Menschen, wie in den Vorjahren dabei. Auch die Mischung der Menschen glich dem letzten Mal in 2016, wo ich hier war. Schade, dass trotz Nennung dieser Aktion im gehypten Video „Die Zerstörung der CDU“ von Rezo (mittlerweile mehr als 15 Mio. Klicks) nicht wesentlich mehr Menschen teilnahmen. Reden und machen ist eben immer noch der große Unterschied.

Im Wald neben der Kundgebung ruhten wir uns im Halbschatten und bei Wasser aus – immer wieder gespickt mit tollen Begegnungen, tiefgründigem Austausch und gegenseitiger Anregung für eine „bessere Welt“. Hört sich oberflächlich an, ist jedoch der tieferen Bedeutung dieser Worte nah. Diese Gemeinschaft dort miteinander zu teilen, die Auseinandersetzung miteinander, die Musik und Beiträge – all das setzt ein Gefühl und Glauben frei, dass viele Menschen heutzutage vermissen lasse. Zu wissen, dass jeder einzelne etwas ändern kann!

Spaziergang zum Eingang der Air-Base

Später sind wir über Waldwege direkt vor die Air-Base spaziert und hatten dort noch die Möglichkeit mit einem zivilen Mitarbeiter zu sprechen. Dieser erzählte ganz stumpf, dass er es einfach super findet in Deutschland seinen Arbeitsplatz zu haben – seinem Arbeitgeber gegenüber ganz unhinterfragend. Genauso denkt er aber auch, dass man die mehr als 600 Milliarden $ (!) für das US-Militär auch einfach anders investieren könnte…schon komisch dieses Paradoxon. Ist Ignoranz mittlerweile Stärke, wie es Orwell prophezeite. Ich möchte diesen jungen Mann garnicht angreifen oder verurteilen, die Selbstverständlichkeit mit der die Folgen seines Arbeitgebers hingenommen werden grenzt jedoch an starke selektive Wahrnehmnung.

Genauso manch ein Gespräch mit den Polizisten. Nachfragen, ob sie für oder gegen die Air-Base sind, führen zu den immergleichen Antworten: „Ich mache hier nur meinen Job.“ Doch interessanterweise meinte einer zu Harpyie, dass etwa jeder zweite Polizist hier kritisch gegenüber der Air-Base eingestellt sei (word – aber wo bleibt die Tat?).

Friedenscamp

Zurück im Friedenscamp gibt es erst Mal eine Dusche und die Nachbesprechung der Aktion. Selbstkritisch wird reflektiert, was anders und besser laufen darf. Erfolge werden verbucht, wir haben an Erfahrung gewonnen. Doch ob es weitere Blockadeversuche geben wird, wage ich in Frage zu stellen.

Abends wird gefeiert – Künstler wie Äon, Morgaine und Kilez More (uvm.) rockten die Bühne. Dazu gab es noch eine Friedensmeditation von einem orange eingekleideten (Osho?) Yogalehrer und später am Abend eine unfassbar geile Jam-Session in der Musik-Jurte – hammer! Das ist Friedenscamp-Kultur 🙂 Ein unvergesslicher Abend!

Schöne Gemeinschaft auf dem Campingplatz – Danke <3

Am nächsten Tag geht es zurück Richtung NRW – spontan nehmen wir noch zwei Campteilnehmer aus Leverkusen mit und genießen die Rückfahrt an diesem unfassbar heißen Tag mit dem treuen T4 von Harpyie.

Danke für dieses geile Wochenende, für diesen Geist miteinander (auch wenn wir noch viel an uns selbst arbeiten dürfen, auch im Sinne von Absprachen im Camp treffen – Details erspare ich :D) und das gegenseitige Vernetzen und Freundschaften Knüpfen.

Insgesamt war es ein übertrieben schönes Wochenende – allein die Tatsache, es mit zwei so wunderbaren Menschen verbringen zu dürfen, die ich selbst erst seit 5 Wochen kenne, zeigt schon, wie gut die Vibes aufgestellt waren. Nächstes Jahr bringt jeder einfach noch jemanden mit und so wächst die Bewegung, was bitter nötig ist!

Wir wollen Frieden für alle, wir wollen Frieden für alle,

wir wollen FRIEDEN FRIEDEN FRIEDEN für die Welt.

Hevenu Shalom Aleichem

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