Rheinmetall entwaffnen | ziviler Ungehorsam

Zwischen Bachelorarbeitsstress und viel privatem Hin- und Her gehts mal wieder aktivistisch raus. Morgens noch den Strahlungshaushalt der Erde erläutern, abends schon im Friedenscamp in Unterlüß. Dieses Camp, als auch die sonstigen Aktionen wurden dankbarerweise vom Aktionsbündnis Rheinmetall entwaffnen organisiert.

Auf der Hinreise: Trotz Bahninfrstruktur im Vordergrund ein Prachtexemplar unseres sichtbaren Farbspektrums 🙂

Nachdem es auf der Hinfahrt noch einen wundervollen Regenbogen zu besichtigen gab, ging es am nächsten Morgen in aller früh mit dem pinken Finger vor die Hauptzufahrt des Rheinmetallwerkes in Unterlüß.

Warum dieser ganze Aufwand?

Die Blockade

Schon um 05:10 Uhr stand die Blockade, die einen Tripot und zwei Aktivisten in etwa 8 m Höhe eines Strommasten unterstützte. Zwei weitere Finger blockierten andere Zugänge zum Werk, damit die Arbeiter heute frei machen können. Dieses Werk darf wenigstens mal einen Freitag still stehen und keine Schützenpanzer „Puma“ produzieren (sowie einige Rüstungsgüter mehr).

Die Stimmung war gut so weit. Es wurden viele typische antimilitaristische und solidarisierende Chants angestimmt, die Zusammenhalt und Motivation schufen. Ich hätte mir noch mehr Friedenslieder gewünscht (Frieden für alle…), hatte jedoch nicht den Mut in dieser neuen Gruppe das mal selbst anzustimmen. Nächste Mal einfach machen. So gab es „Deutsche Waffen, deutsches Geld – morgen mit in aller Welt“, „War starts here, let’s stop it here“ oder „Hoch die internationale Solidarität“ (uvm.) zu hören. Obgleich wir uns schon morgens um kurz vor 5 gesammelt haben und durch ein Waldstück zur Blockade gestartet sind. Dort gab es bereits den ersten Versuch der Polizei den Zug aufzuhalten, was durch Ausschwärmung in den Wald kläglich scheiterte. Übrigens ist dieses Gefühl wirklich bekräftigend, morgens in aller Herrgottfrüh aufzustehen, mit dem Wissen, dass 250 weitere Menschen gerade dasselbe tun. Für denselben, mehr als notwendigen, zivilen Ungehorsam.

Der Tag nimmt seinen Lauf

Danach hieß es ausharren. So wie es die mutigen Aktivisten in der Höhe bereits seit Vormittag des vorherigen Tages taten! Einen großen Respekt für eure Leistung. Das gab echt Kraft euch da morgens stehen bzw. in Hängematten liegend zu sehen!

Erste Rheinmetallmitarbeiter wurden davon abgehalten zu ihrer Arbeit zu gelangen. Auch die anderen Finger errichteten Blockaden, die erfolgreich Arbeitnehmer des Werkes zurückhielten. Nachdem es einige bedauerliche Einzelrufe beleidigender Natur gab, einigten wir uns schnell darauf, keine Arbeitnehmer zu beleidigen – was für mich selbstverständlich ist! Diese Menschen sind ebenso in Abhängigkeitsverhältnissen, die unser System schafft. Doch bin ich ebenso der festen Überzeugung, dass jeder der/die gewillt ist, sich einen sinnvolleren Arbeitsplatz suchen kann.

Nach Yoga, Aufwärmübungen und ersten Gesprächen mit anderen (teils echt erfahrenen Aktivisten) dümpelte die Blockade so vor sich hin. Die Polizei machte keine Anstalten uns räumen zu wollen und so entspannte sich die Grundstimmung. Es gab Essen und Trinknachschub vom Camp, sowie eine dauerhafte Möglichkeit im benachbarten Wald sein Geschäft zu erledigen. Aktivistisch betrachtet eine echt ruhige Murmel.

Emotionale Momente folgten, als die Höhenaktivisten nach vorheriger Absprache mit den Rechtsanwälten, dem Bündnis und der Polizei, ihre lange gehaltenen Stellungen beendeten. Mehr als 24 Stunden verbrachten sie dort oben – unfassbar! Ihr seid fantastisch! Was wir nicht verstanden: Warum haben wir die Aktivisten nicht beim Abstieg mit unserer Gruppe umrandet und sie danach aufgenommen und unkenntlich gemacht, damit die Polizei diese nicht identifizieren kann (z.B. Kleidung tauschen usw.)? Vermutlich hätte man sie doch irgendwie wiedererkennen können? Es schien bereits von Anfang dieser am Vortag gestarteten Aktion festgestanden zu haben, dass diese sich der Polizei stellen werden würden (glücklicherweise mit dem hinterher verhandeltem Deal nur fotografiert zu werden…naja, bei den technischen Möglichkeiten heute kommt das einer Aufnahme der Personalien gleich, wenn ihr mich fragt).

Nach einigen Plenums entschied sich meine Bezugsgruppe (namens „Dinkelcrunsh“ :D), eine Materialblockade am kleinen Osttor zu unterstützen. Dabei mussten wir 2/3 des Werkes zu Fuß umlaufen, was mir noch Mal die Ausmaße dieses Standortes vor Augen führte. Zwischendurch schoben wir Materialien aus Baumschnitten im Wald auf den vorhandenen Weg, um Durchfahrt zu erschweren oder zu blockieren. Das Betriebsgelände ist gut durch einen doppelten Zaun und alle 100 m eine Kamera gesichert – fast wie ein Gefängnis…

Am Osttor gab es dann noch Mal Aktion. Gruppen aus anderen Fingern kamen zeitgleich mit uns dort an, was anfangs einen kleinen Tumult mit der dort vorhandenen Polizei hervorrief. Davon angestachelt teilte sich die Gruppe in eine Stehblockade und eine Materialanschaffungseinheit. Wir türmten Totholzstämme, lange Äste und sonstige nutzbare herumliegende Holzteile um die Materialblockade dort weiter aufzuhäufen.

Spontane zusätzliche Blockade des viel kleineren Osttores.

Das war irgendwann genug, wir schwitzten wie Sportler! Geile Aktion. Ich frage mich, wie es den Polizisten unter ihrer dicken schwarzen Uniform geht. Gegen Exekutivkräfte in solcher Montur ist ein Lauf schnell gewonnen. Man muss seine Vorteile kennen 😉

Schichtwechsel der Polizei

Zurück beim pinken Finger, gab es einen Schichtwechsel der Polizisten. Dieser wurde mit der Forderung verbunden, die Polizistentransporter hinter die Blockade fahren zu dürfen. Ich vermutete die Taktik, dass damit ebenso die Blockade aufgelöst werden könnte. Im Endeffekt wurde, wie im Video von ruptly zu sehen ist ein Teil der Blockade aufgelöst, um hinterher den Platz wiederzuerhalten. Da zeigt sich, dass diese sonst wirklich entspannte Truppe, eben Ernst macht, wenn es um die Durchsetzung von Forderungen geht. Beim Herausfahren einiger Polizeifahrzeuge wurden auch zwei Rheinmetall-PKW mit durchgelassen. War das der Grund für die Teilauflösung der Blockade?

Man muss der Polizei auch zu Gute halten, dass sie sich an die Abmachungen bezüglich der Behandlung der Höhenaktivisten gehalten haben. Es gab den Deal, der von den wirklich guten und emphatischen Rechtsanwälten des Bündnisses ausgehandelt wurde, nur Fotos von diesen Aktivisten zu machen ohne die Personalien aufzunehmen. Irritierenderweise fragte der Polizist den Aktivist vom Tripot, nachdem dieser runtergekommen war, ob er seinen Personalausweis mit sich führe…Sei achtsam bekomme ich immer wieder bestätigt. Und es bleibt immer wieder die im Halse steckende Frage: Was wenn ihr hier nicht mehr „nur euren Job“ machen würdet? Wen schützt ihr hier?

Nachdem der Polizeiwechsel vollzogen war, schafften wir es noch mit einer Gruppe von 30 Aktivisten zum Haupttor von Rheinmetall vorzudringen. Das brachte die Polizei noch einmal ins Schwitzen – innerlich und äußerlich. Uns brachte es Freude! Aber dort waren keine sinnvollen Aktionen mehr möglich. Schnell einen Schnappschuss machen und zurück zum Finger. Der sich alsdann um etwa 16 Uhr als Latschdemo zurück zum Friedenscamp aufmachte.

Diese Aktion war meines Erachtens nach ein wirklicher Erfolg. Selbst der Versuch der Mitarbeiter über stillgelegte Bahnschienen zum Werk zu kommen, wurde durch Mobilisation und zivilen Ungehorsam unterbunden. Gleichzeitig zeigt es, dass wir gerne mehr werden dürfen, obwohl eine vergleichsweise kleine Menge an Menschen, die an einem Strang ziehen, bereits großes bewirken kann. Zudem erfreut es mich jedes Mal, wenn so viele verschiedene Gruppierungen zusammen arbeiten. Von Antifa-Gruppen über feministische Gruppierungen, Pax Terra Menschen, Stop-Ramstein-Aktivisten, Hambacher-Forst-Aktivisten, Fridays-For-Future-Aktivisten uvm. und lose organisierte Menschen…da kommt Freude auf, auch wenn ich mit verschiedenen Vorgehensweisen nicht ganz auf einer Wellenlänge bin. Aber muss man das immer sein? In der Vielfalt dieses Protestes zeigt sich, wie wichtig solche Bündnisse sind. Wenn es drauf ankommt, stehen die wichtigen gemeinsamen Bestrebungen und Ideale einfach über den weniger wichtigen Unterschiedlichkeiten.

„Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“ (Hermann Hesse)

Frieden sei mit euch

PS: Hier noch ein kurzer Videobeitrag zur Demo heute in Unterlüß mit knapp 600 Teilnehmern (wir mussten vorher leider schon nach Hause)

PPS: Hier findet ihr noch einen Artikel aus der heutigen Tagespresse (cellesche-Zeitung) über einige Ansichten von Rheinmetall und Anwohnern in Unterlüß.


Quelle des Titelbildes: Folie aus dem Video von #Rheinmetall entwaffnen (Daten) von dem YouTube-Kanal Freundeskreis Videoclips.

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