Was ist dran, an den Vorwürfen “Antisemitismus bei Corona Demonstrationen in Münster”? [1] Diese Behauptungen wurden unhinterfragt und ohne mich, Felix oder andere Kundgebungsorganisatoren vorher um ein Statement zu bitten auch in den Westfälischen Nachrichten veröffentlicht.

Ich werde aufzeigen, wie dürftig die Grundlage für diese Behauptung ist, damit jede(r) sich selbst eine Meinung bilden kann. Doch macht mich genau das nicht wieder zum Antisemiten? Indem ich mich zu den Vorwürfen äußere. Wohl kaum, da ich diese Verleumdung für alle die Willens sind, klar(er) stellen möchte. Gesprächsangebote gegenüber der DIG und der jüdischen Gemeinde, welche den Artikel verfasst haben, wurden leider abgelehnt. Doch auch sie haben die Argumente erhalten, welche hier niedergeschrieben stehen. Nebenbei bemerkt: Auf eine Anfrage an die Westfälischen Nachrichten hin, warum kein Kontakt des Redakteurs vor der Veröffentlichung einer solch schwer wiegenden Behauptung stattfindet, gibt es nach Email und Telefonat noch keine genau Stellungnahme. Eine angemessene Klarstellung aus meiner/unserer Perspektive muss künftig erfolgen.

Zunächst einmal distanziere ich mich von Antisemitismus, Diskriminierung und Extremismus in jedweder Art und Weise. Genauso distanziere ich mich von der in welcher Form auch immer getätigten Idee, Juden als taktisches Element mit auf die Demonstrationen einzuladen. Alleine Kraft der wertschätzenden und aufrichtigen Kommunikationskultur haben solche Ideen bereits keinen Platz in zukunftsorientierten auf den Grundrechten für ALLE Menschen basierenden Auseinandersetzungen. Doch selbst diese Bekundung besagt laut den “antifaschistischen” Gegendemonstranten, dass wir – egal was wir sagen würden – Antisemiten seien. Gleichzeitig ist es mir immer wichtig, dass man denjenigen kritisieren darf, der aufgrund seiner Worte und seiner Tat kritisiert werden sollte. Egal welchen Standes, welcher Gehaltsstufe, Macht, Status, Ethnie, Religion. Nun ja, wo wir schon bei des Pudel Kern wären.

Es hat mich schockiert und betroffen, diese Anschuldigungen gegen Felix, mich und die ganze Bewegung “Gemeinsam für Grundrechte” in Münster zu lesen. Denn der Vorwurf wird nicht von irgendwoher erhoben, sondern von der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft aus Münster zusammen mit der jüdischen Gemeinde Münster.

Woher diese Annahmen?

Die ganze Corona-Debatte hatte (hier in Münster) nie etwas mit Israel, Juden oder gar einer “jüdischen Weltverschwörung” zu tun. Einzige Bezugnahme: Die kurze Anmerkung von mir am 16.05.2020 auf eine Israel-Flagge der Gegendemonstration: “Es irritiert mich, dass hier eine Flagge von einem Staat gehisst wird, der sagen wir mal eine seltsame Okkupationspolitik gegen Palästinenser durchführt…” (ab. 7:25 Min.) [2]. Wie lässt sich daraus struktureller Antisemitismus oder gar das Wort “rassistischer Apartheidstaat” heraushören?

Ergänzung: Am 16.06.2020 veröffentlichte die DIG eine Richtigstellung in Bezug auf die falsche Zitation meiner Reaktion auf die Israel-Fahne. Man hat es korrigiert von “rassistischer Apartheidstaat” auf “Es irritiert mich, dass hier eine Flagge von einem Staat gehisst wird, der sagen wir mal eine seltsame Okkupationspolitik gegen Palästinenser durchführt. Das irritiert mich.”, was ich auch gesagt habe. An den anderen Vorwürfen hält man weiter fest. Insbesondere an dem Generalverdacht gegenüber des Milieus in welchem Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen stattfinden.

Zunächst einmal war es eine Bemerkung dazu, dass von einer Gegendemonstration, die sich selbst als “antifaschistisch” bezeichnet, diese Flagge eines Staates zu sehen war. Der Staat Israel handelt so, dass meinem Kenntnisstand nach, gegenüber einer Minderheit der im Staatsgebiet Lebenden (Palästinensern) äußerste Nachteile bestehen. Natürlich gibt es auch arabische Israeliten, die zufrieden sind mit der Staatsform.

Die “antifaschistischen Gruppen” (Eklat Münster, Antifaschistische Aktion Münster…), welche sich berufen fühlen uns ohne Wahrnehmung des Gesprächsangebotes denunzieren zu wollen, entlarvt sich meiner Ansicht mit vielen Aktionen selbst – auf der einen Seite zeigen und unterstützen sie Nationalfahnen, auf der anderen bekämpfen sie alles was eine Nationalfahne trägt. Sehr widersprüchlich, selektiv und voreingenommen.

Desweiteren ist die These des Apartheidstaates in Bezug auf Israel diskussionsfähig, wie ein Bericht der UN bestätigt. [3] Grundsätzlich gilt schlicht: Ich bin gegen jede Form von Gewalt, außer sie geschieht zum Zweck der Selbstverteidigung.

Gemeinsam für Grundrechte” hat zum aktuell kontroversen Thema “Corona” bereits fünf Kundgebungen (jeden Samstag seit dem 09.05.2020) mit je mehr als 120 Teilnehmehmenden in Münster veranstaltet – immer begleitet von einer Gegendemonstration. Das bleibt in der Medienlandschaft unerwähnt, ebenso die Inhalte der Kundgebungen. Nun war in der MZ zu lesen, dass ein Aufruf zum Anschlag aus Reihen der “Umbrella Corporation” geplant würde und die Polizei bereits in Ermittlungen stünde [4]. Von gemachten Gewaltaufrufen distanziere ich mich natürlich, alleine schon Kraft des gewaltfreien und wertschätzenden Grundhaltung von “Gemeinsam für Grundrechte Münster”. Im Endeffekt handelt es sich um eine einzige Nachricht – nicht um einen Chat aus konkreten Planungsvorhaben. Urheber dieses Aufrufs soll ein “Michael” aus der offenen Telegram-Gruppe “Umbrella Corporation” gewesen sein, der (auf Anfrage bestätigt) bereits aus dieser Gruppe rausbefördert wurde. Wer auch immer das ist, seine Äußerungen haben nichts mit den Kundgebungen für Münster zu tun. Warum wird diese Nachricht prompt gebracht, aber keine Berichterstattung oder Statements der Kundgebungen an sich? Aus diesen würde klar ersichtlich werden, dass wir damit nichts zu tun haben. Es erhärtet sich der Verdacht, dass man unsere Bewegung bewusst diskreditieren möchte – weit entfernt von einer differenzierten Auseinandersetzung.

Worum geht es uns eigentlich?

Es geht hier in Münster um eine Auseinandersetzung mit der Verhältnismäßigkeit von Corona-Maßnahmen, Grundrechten, wertschätzender Kommunikation und dem Zusammenführen der Menschheitsfamilie. Dabei stehen Informationen zur Debatte, wie wir gesund und resilient in die Zukunft gehen können. Es geht um Politik, aber im Kern um eine Haltung und um eine offen geführte Diskussionskultur. Natürlich versuche ich in dieser Auseinandersetzung auch zu sehen, wer von Unverhältnismäßigkeit oder momentan getroffenen Zwangsmaßnahmen profitieren könnte – eine ganz wissenschaftliche Weise, Interessenskonflikte erkenntlich zu machen. Wer das sein könnte, ist im Kern ergebnisoffen.

Desweiteren wird behauptet, Felix (Künstler und Mitorganisator) hätte Geschichts-Revisionismus in Bezug auf Nazi-Verbrechen betrieben. Er verglich am 16.05.2020 auf der Kundgebung meiner Einsicht nach eine Grundstimmung Anfang der 30er Jahre mit dem heute ziemlich einheitlichem Narrativ “Die Bundesregierung handelt im Großen und Ganzen richtig” ohne, dass die Verhältnismäßigkeit dieses Handelns geprüft wird. Dies kann schnell zu Machtaggregation führen, wie wir in den bereits vollzogenen Änderungen des Infektionsschutzgesetzes und den Debatten um einen Immunitätsausweis und eine künftige Corona-Impfung feststellen. Hier stellt sich mir die Frage, inwiefern die nach subjektiver Wahrnehmung gleichgeschaltete veröffentlichte Meinung zu einer Verharmlosung der schrecklichen Taten aus Nazi-Deutschland umdeuten lässt. Es ging schlicht um die (gefühlte, aber dennoch gut belegbare) Gleichschaltung von Meinung und Presse, nicht um konkrete antimenschliche Taten der Nazi-Zeit und schon garnicht darum, diese zu verharmlosen.

Die ominöse Umbrella-Corporation

Zu der Annahme, die “Umbrella-Corporation” bei Telegram sei Teil unserer Organisation der Kundgebung “Gemeinsam für Grundrechte”: Dies ist schlicht falsch. Persönliche Gespräche würden solchen falschen Annahmen vorbeugend entgegegen wirken. Es ist richtig, dass sich in dieser offenen Telegram Gruppe auch zu Corona ausgetauscht wird. Doch viele – so auch ich – von “Gemeinsam für Grundrechte” finden den Wust an Meinungen und Spekulationen darin unerträglich und beachten das Geschehen in der Gruppe nicht. Einige der darin gemachten Behauptungen entsprechen nicht unserem gewaltfreien Konsens. Genauso wird dort allerdings auch einiges sinnstiftendes miteinander geteilt, was seltsamerweise von kritischen Stimmen gegenüber uns nie Beachtung findet. Ebenso distanziere ich mich von Ideen Gewalt auszuüben – auf Anfrage in der Gruppe erfahre ich, dass der Teilnehmer “Michael”, der die krude Idee äußerte mit einem Wagen in eine Menschenmenge von Demonstranten zu fahren, aus der Gruppe befördert wurde. Das wird komischerweise in dem Medienbericht der MZ nicht benannt (obgleich es im Chatverlauf nachzurecherchieren ist). Zu bedenken ist: Diese Telegram-Gruppe ist offen – jeder kann weltweit dort teilnehmen und schreiben.

Überall Antisemiten?

Die DIG und die jüdische Gemeinde Münster führen in dem Artikel aus, dass der „Glaube, dass hinter unverstandenen abstrakten Prozessen eine konkrete Macht stehe, strukturell und historisch antisemitisch“ (sei). Wenn dies bereits eine Argumentationsgrundlage ist, um jemanden als Antisemiten darzustellen, so müsste dieses Muster auf alle kritischen Geister zutreffen, da diese abstrakte Prozesse hinterfragen. Das ist ein ganz normales Muster kritischer Auseinandersetzung mit einer Welt, in der viele unmenschliche Dinge geschehen. Ebenso nebulös wirkt das Argument von Schüler-Springorum, wonach den Kritikern von Bill Gates Einflussnahme auf die WHO ebenso schlicht Antisemitismus unterstellt wird, obwohl kein Bezug zur Religion besteht. Bill Gates ist eigenen Angaben zufolge bekennender katholischer Christ. [5] Diese Argumentation ergibt für mich keinen Sinn und wirkt ebenso spekulativ, wie eine wilde antisemitische Verschwörungstheorie. Ebenso argumentativ schwach ist die Herleitung über das Wort „Abhängigkeit“, welches vermutlich in jeder kritischen Debatte weltweit genutzt wird. Dies soll als Indiz für eine explizit antisemitisch konnotierte Wortwahl stehen? Die DIG und die jüdische Gemeinde Münster sprechen von Mustern und Implikationen. Können Beweise vorgelegt werden, anhand der vielen Veröffentlichungen von Felix und mir? [6]

Die Definition von Antisemitismus ist laut der Bundeszentrale für politische Bildung: „Der Begriff Antisemitismus bezeichnet heute alle historischen Erscheinungsformen der Judenfeindschaft…“ [7] Dort wird Antisemitismus korrekterweise unter der Rubrik Extremismus geführt, von welchem wir uns als “Gemeinsam für Grundrechte” klar distanzieren. Judenfeindschaft oder ähnliche Ideologien gewaltbereiter Substanz haben bei uns keinen Platz. Wir sind der Auffassung, dass eine wertschätzende, friedliche und gewaltfreie Kommunikation den zukunftsorientierten Diskurs ausmachen muss.

Reden wir miteinander oder übereinander?

Genauso interessant ist, dass es viele Dokumente und Zeugenberichte gibt, die zeigen, welche lösungsorientiertem Grundansätze wir in Münster verfolgen, wie bunt wir sind und wie wir trotz Anfeindungen und persönlichen Schäden konsequent einladend zum Gespräch auf Augenhöhe gegenüber unserern Kritikern bleiben. Warum wird darauf kein Bezug genommen? Ist das nicht ein äußerst ungewöhnliches Verhalten für angebliche Antisemiten oder (Neu)Rechte? Ich frage mich, ob einer der Schreiber solcher Zeilen überhaupt einmal bei unseren Kundgebungen hingehört hat.

Ich bitte darum, von den gemachten Vorwürfen Abstand zu nehmen und diese zu korrigieren. Kritik an Corona-Maßnahmen ist kein Antisemitismus. Nur weil andernorts antisemitische Elemente mit Demonstrationen gegen Corona-Zwangsmaßnahmen auftauchten, heißt das noch lange nicht, andere Kritiker dieses staatlichen Handelns und der breiten Akzeptanz der Bevölkerung wären damit einverstanden. Ebenso bitte ich um ein persönliches Gespräch auf Augenhöhe, um sachlich miteinander sprechen zu können und gemeinsam den Wesens- und Wahrheitsgehalt der Vorwürfe zu erörtern. Ganz im Sinne des jüdischen Gruß- und Abschiedswortes Shalom, was nach meinen Recherchen Vervollständigung oder auch Zu-Frieden-heit bedeutet.

Frieden sei mit euch,

Björn Wegner

[1] https://muenster.deutsch-israelische-gesellschaft.de/aktuelles (zueletzt abgerufen am 12.06.2020)

[2] https://www.muensterschezeitung.de/Lokales/Staedte/Muenster/4214795-Hetze-im-Netz-nach-Black-lives-matter-Demonstrationen-Aufruf-zum-Anschlag-Polizei-ermittelt (zuletzt abgerufen am 12.06.2020)

[3] Israel ist ein Apartheid-Staat: https://www.freitag.de/autoren/jakob-reimann-justicenow/israel-ist-ein-apartheidstaat (zuletzt abgerufen am 20.06.2020)

[4] Wie verhältnismäßig sind Corona-Maßnahmen? (16.05.2020): https://www.youtube.com/watch?v=lK7hnAlJyR4 (zuletzt abgerufen am 05.06.2020)

[5] Bill Gates reveals family goes to catholic church (14.03.2014): https://www.christianpost.com/news/bill-gates-reveals-family-goes-to-catholic-church-it-makes-sense-to-believe-in-god.html (zuletzt abgerufen am 07.06.2020)

[6] YouTube Kanal Felix (van Frieden): https://www.youtube.com/channel/UCFtov6-lnNbNJBMYXgc4YUQ

[7] Bundeszentrale für politische Bildung (27.11.2016): https://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37945/was-heisst-antisemitismus?p=all (zuletzt abgerufen am 06.06.2020)


2 Kommentare

Miri Simsek · 21. Juni 2020 um 14:20

Du hast dir wirklich so viel Mühe und Zeit genommen. Ganz wundervoll. Ich kann nicht glauben, wie blindlings die WN und die MZ Artikel veröffentlichen, ohne Rücksprache zu halten und Behauptungen auf Wahrheit zu prüfen. Sehr bedauernswert, wie leichtsinnig sie (WN, MZ) mit ihrer Verantwortung der objektiven Berichterstattung umgehen. Sehr gut, vernünftig und richtig, diese Sachverhalte argumentativ zu diskutieren und zu belegen. Da kann sich auch die DIG ne Scheibe von abschneiden.

    bjoern · 22. Juni 2020 um 9:19

    Danke Miri! Ja, es ist erstaunlich was Grundrechte-Demos gerade gegenüber unterstellt wird und wie sie behandelt werden, trotz Distanzierungen gegenüber Extremismus und Antisemitismus uvm….da erhärtet sich der Verdacht, es könnte um gezielte Diskreditierung gehen?! Herzlichen Gruß

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